Foto von Antonia Schwarz

ERASMUS+ für die Erwachsenenbildung

Impulse für das Ehrenamt durch eine Hospitation bei der „Dienststelle Selbstbestimmtes Leben“ in Eupen

Der Wunsch aktiv blei­ben zu wol­len, etwas zu bewir­ken, Anre­gun­gen durch ande­re zu erhal­ten und gemein­sa­me Erfolgs­er­leb­nis­se zu haben, sind wich­ti­ge Moti­ve für das bür­ger­schaft­li­che und frei­wil­li­ge Enga­ge­ment von Anto­nia Schwarz. Sie setzt sich für die GRÜNEN ALTEN, aber auch als gewähl­te Senio­ren­ver­tre­te­rin in Ber­lin-Ste­glitz-Zehlen­dorf für die Inter­es­sen von Senio­ren ein. Die Teil­nah­me an einer von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Senio­ren­or­ga­ni­sa­tio­nen (BAGSO) orga­ni­sier­ten ERASMUS+ Hos­pi­ta­ti­on in den Nie­der­lan­den 2018 und in Bel­gi­en 2019 haben ihr wert­vol­le Anre­gun­gen für ihr Enga­ge­ment gelie­fert. In ihrem Arti­kel beschreibt sie, wel­che Impul­se sie ins­be­son­de­re in Ost­bel­gi­en für ihre Arbeit gewin­nen konn­te – und auf wel­che Wei­se sie noch heu­te bspw. bei der Mit­wir­kung am Pro­gramm­pro­zess zur Ent­wick­lung des Ber­li­ner Wahl­pro­gramms pro­fi­tiert. Dort bear­bei­tet sie der­zeit die The­men Demo­gra­fie und Pfle­ge in lang- und mit­tel­fris­ti­ger Per­spek­ti­ve.

Lebensqualität im Alter gestalten als bürgerschaftlich und freiwillig Engagierte

Hos­pi­ta­ti­on in einem Begeg­nungs­zen­trum in Ost-Bel­gi­en
Foto: Jan Gau­bert, Volks­so­li­da­ri­tät

Wir befin­den uns seit Coro­na in einer Zeit, in der viel über älte­re Men­schen gespro­chen wird, wohl gemerkt meis­tens über sie und sel­te­ner mit ihnen. Es ist inzwi­schen kaum noch wahr­nehm­bar, dass hohes Alter mit unglaub­lich viel Erfah­run­gen und Kom­pe­ten­zen ein­her­geht, ganz zu schwei­gen von dem Bedürf­nis älte­rer Men­schen, den nach­fol­gen­den Genera­tio­nen etwas Sinn­vol­les und Wich­ti­ges zu hin­ter­las­sen. Die Extre­men unter die­sen Vertreter*innen for­dern gar, dass älte­re Men­schen „geop­fert“ wer­den sol­len, damit die Gesell­schaft mög­lichst schnell wie­der zum nor­ma­len Wirt­schafts­le­ben zurück­keh­ren kann. Dabei ist Covid-19 kei­ne Alters­er­kran­kung, auch wenn mehr hoch­alt­ri­ge als jün­ge­re Men­schen dar­an ster­ben.

Von mei­nen Eras­mus-Auf­ent­hal­ten 2018 in den Nie­der­lan­den und 2019 im deutsch­spra­chi­gen Teil von Ost-Bel­gi­en habe ich ganz ande­re Impul­se mit­ge­bracht. Die „Dienst­stel­le für Selbst­be­stimm­tes Leben“ ver­mit­tel­te Gedan­ken von Teil­ha­be und Behand­lung von älte­ren Men­schen als Partner*in auf Augen­hö­he, mit denen gemein­sam Lösun­gen ent­wi­ckelt wer­den. Auch die Moti­va­ti­on zur Teil­ha­be setzt die Ermu­ti­gung der älte­ren Men­schen über die Bot­schaf­ten vor­aus: Ihr seid noch wich­tig, wir neh­men Euch ernst in Euren Bedürf­nis­sen, wir wol­len, dass ihr wei­ter­hin am gesell­schaft­li­chen Leben teil­habt.

… als gewählte Seniorenvertreterin in Berlin-Steglitz-Zehlendorf

Als gewähl­te Senio­ren­ver­tre­te­rin eines Ber­li­ner Bezirks mit mehr als 300.000 Einwohner*innen und ber­lin­weit dem höchs­ten Anteil von über 80-jäh­ri­gen Men­schen sehe ich mei­ne Auf­ga­be dar­in, nicht nur selbst aktiv zu sein, son­dern durch mein bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment dazu bei­zu­tra­gen, älte­re Men­schen in ihrer Selbst­be­stim­mung und der lan­gen Teil­ha­be am öffent­li­chen Leben zu unter­stüt­zen. Die Senio­ren­ver­tre­tung trifft sich ein­mal im Monat im Ple­num. Dort wer­den gemein­sa­me Initia­ti­ven bespro­chen, die z. B. in das Bezirks­par­la­ment ein­ge­bracht wer­den. Neben dem Ple­num arbei­te ich in diver­sen Grup­pen mit. Eine mir sehr wich­ti­ge Grup­pe „Gut älter wer­den in Ste­glitz-Zehlen­dorf“ hat sich zum Ziel gesetzt, die bestehen­den Grup­pen von frei­wil­lig Akti­ven, Bera­tungs­stel­len und Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven bes­ser unter­ein­an­der zu ver­net­zen. Dort arbei­ten pro­fes­sio­nel­le Diens­te und Frei­wil­li­ge gleich­be­rech­tigt zusam­men; wir enga­gie­ren uns in gemein­sa­men Pro­jek­ten. Einem die­ser Vor­ha­ben haben wir den Namen „Erreich­bar­keit 65+“ gege­ben. Mit dem Bezirks­amt war davor aus­ge­han­delt wor­den, in jedem Jahr aus einem ande­ren Quar­tier alle Men­schen per Post ein­zu­la­den, die das 65. Lebens­jahr erreicht haben. Die Teil­neh­men­den die­ses Tref­fens erhal­ten an der Schwel­le zu einer neu­en Lebens­pha­se Infor­ma­tio­nen über die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten, sich frei­wil­lig und bür­ger­schaft­lich in ihrem Wohn­um­feld enga­gie­ren zu kön­nen. Sie wer­den infor­miert über bestehen­de Bera­tungs­stel­len und Nach­bar­schafts­pro­jek­te in ihrer Regi­on. Die Grund­idee die­ses Kon­zep­tes ist es, alle älte­ren Men­schen im Bezirk nach und nach zu errei­chen und ihnen nach dem Vor­bild von wer­den­den Eltern den Zugang zu einem Infor­ma­ti­ons­pa­ket zu geben, das zur Hil­fe zur Selbst­hil­fe anregt. Älte­re Men­schen wol­len wir dazu ani­mie­ren, ihren neu­en Lebens­ab­schnitt aktiv zu gestal­ten, gleich­alt­ri­ge ken­nen­ler­nen zu kön­nen, aber auch zu erfah­ren, wel­che Hilfs­an­ge­bo­te und Bera­tungs­stel­len im Bezirk exis­tie­ren.

In Eupen besuch­ten wir das Begeg­nungs­zen­trum Mit­ten­drin
Foto: Jan Gau­bert, Volks­so­li­da­ri­tät

Beson­ders begeis­tert hat mich bei dem letz­ten Auf­ent­halt in Bel­gi­en ein Besuch der Begeg­nungs­stät­te „Mit­ten­drin“. Dort kann an jedem Werk­tag bspw. ein Mit­tag­essen zu einem klei­nen Preis ein­ge­nom­men wer­den. Die­ses Ange­bot wird regel­mä­ßig von vie­len Älte­ren genutzt. Essen in Gemein­schaft för­dert Kon­tak­te und Akti­vi­tä­ten. Die­ses oder ein ähn­li­ches Kon­zept wür­de ich ger­ne nach­hal­tig in mei­nem Wohn­be­zirk eta­blie­ren. Denn das Mit­tag­essen in Gemein­schaft trägt eher zur Prä­ven­ti­on gegen Ver­ein­sa­mung bei als die in Deutsch­land übli­chen „Fahr­ba­ren Mit­tags­ti­sche“ die zwar zu einer regel­mä­ßi­gen Ver­sor­gung mit einer war­men Mahl­zeit füh­ren, aber von jeder und jedem allei­ne zu Hau­se ein­ge­nom­men wird. Eine ähn­li­che Funk­ti­on neh­men in Ber­lin bis­her bereits bestehen­de Stadt­teil- und Nach­bar­schafts­zen­tren sowie Mehr­ge­nera­tio­nen­häu­ser wie der von mir geschätz­te Mit­tel­hof wahr. Sol­che Pro­jek­te gilt es aus­zu­bau­en und zu erhal­ten.

… Demokratische Teilhabe von älteren Menschen als Sprecherin GRÜNE ALTE

Wir GRÜNE ALTE sind ein Zusam­men­schluss von älte­ren Mit­glie­dern von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, die sich zum Ziel gesetzt haben, die demo­gra­fi­sche Alte­rung der Gesell­schaft poli­tisch zu beglei­ten, uns poli­tisch ein­zu­mi­schen und Duft­mar­ken zu set­zen; oft geschieht dies in Pro­jek­ten. Seit knapp sechs Jah­ren bin ich deren Bun­des­spre­che­rin und neh­me mei­ne Auf­ga­ben aus­schließ­lich ehren­amt­lich und als frei­wil­lig Enga­gier­te wahr – in Gemein­schaft mit einem Bun­des­vor­stand, der ähn­li­che Zie­le mit mir teilt. Dies ist in einer Par­tei, die aus einer jugend­li­chen Pro­test­be­we­gung ent­stan­den ist, heu­te in vie­len Fel­dern pro­fes­sio­nell arbei­tet, eine Auf­ga­be, die auch mich als „Über­zeu­gungs­tä­te­rin“, zeit­wei­lig enorm bean­sprucht. Ein wich­ti­ges Motiv für mich als GRÜNE ALTE ist nach wie vor das Ziel, einen Bei­trag zu leis­ten, damit zu einem Zeit­punkt, wenn ich selbst auf Hil­fe ange­wie­sen bin, Rah­men­be­din­gun­gen exis­tie­ren, die ein Leben in Wür­de – auch in der letz­ten Lebens­pha­se ermög­li­chen.

Die BÜNDNISGRÜNEN wer­den im kom­men­den Jahr ein neu­es Grund­satz­pro­gramm mit einer Reich­wei­te von min­des­tens zehn Jah­ren ver­öf­fent­li­chen. Wir GRÜNE ALTE wol­len errei­chen, dass dort ein zeit­ge­mä­ßes Alters­bild ver­tre­ten wird. Vie­le Politiker*innen haben meist die Hoch­alt­ri­gen als gebrech­li­che Men­schen vor Augen. Die­ses Alters­bild impli­ziert Schutz­be­dürf­tig­keit und den Ruf nach Für­sor­ge­leis­tun­gen. Selbst bei Hoch­alt­ri­gen trifft die­se Sicht­wei­se aber nur auf einen Teil zu – und bei jun­gen Alten 60plus gar nicht. Tat­säch­lich ist Altern ein sehr indi­vi­du­el­ler Pro­zess und kann nicht mit einer Zahl ver­bun­den wer­den. Das Bild vom Ruhe­stand ist nicht mehr zeit­ge­mäß: Men­schen suchen Auf­ga­ben. Das kann ein Job oder ein frei­wil­li­ges Enga­ge­ment sein. Die Bedeu­tung von Arbeit wird in unse­rer Gesell­schaft unter­schätzt, Arbeit gibt dem Leben Struk­tur – egal, ob es eine Erwerbs­tä­tig­keit oder ein Ehren­amt ist.

Vor­aus­set­zung dafür ist, lebens­lang ler­nen zu kön­nen. Das gesell­schaft­li­che Wis­sen wird sich immer schnel­ler ver­grö­ßern. Wir dür­fen kei­ne Gesell­schaft wer­den, die in Abge­häng­te und Erfolg­rei­che zer­fällt. Wenn wir Poli­tik für Älte­re machen wol­len, ist des­halb weit mehr als über Pfle­ge und Demenz zu reden. Uns GRÜNEN ALTEN ist es wich­tig die Frei­wil­li­gen­ar­beit von Men­schen in der Nach­er­werbs­pha­se wert­zu­schät­zen und die Akti­ven durch kos­ten­lo­se Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te direkt zu för­dern.

Glo­ba­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung bestim­men immer mehr Lebens­be­rei­che; die Digi­ta­li­sie­rung kann dazu genutzt wer­den, um den Men­schen Teil­ha­be und Wohl­stand zu ermög­li­chen. Neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men kön­nen zudem dabei hel­fen, eine Grund­ver­sor­gung auch in struk­tur­schwa­chen Regio­nen auf­recht­zu­er­hal­ten, bspw. durch den Ein­satz von E‑He­alth-Sys­te­men, intel­li­gen­te­re For­men der Mobi­li­tät, der Mit­be­stim­mung oder zur Erleich­te­rung des All­tags in der Woh­nung bei Hil­fe­be­darf.

Hos­pi­ta­ti­on auf einem Bau­ern­hof in den Nie­der­lan­den.
Dort wer­den auch Senior*innen teil­wei­se durch Ehren­amt­li­che betreut.
Foto: Anto­nia Schwarz

Die Digi­ta­li­sie­rung ent­wi­ckelt sich aber so schnell und sprung­haft, dass vie­le Men­schen den begrün­de­ten Ein­druck haben, abge­hängt zu wer­den und nicht mehr mit­hal­ten zu kön­nen. Um die Digi­ta­li­sie­rung selbst­be­stimmt anzu­wen­den, ist zudem Wis­sen erfor­der­lich, wie sie sicher genutzt wer­den kann, damit Betrü­ger kei­ne Chan­ce erhal­ten. Wir brau­chen eine Bil­dungs­of­fen­si­ve zur digi­ta­len Teil­ha­be, die auch Alters­grup­pen jen­seits des 75. Lebens­jahrs ein­schließt. Dazu müs­sen ziel­ge­rich­tet neue For­ma­te ange­bo­ten wer­den, die die Lebens­rea­li­tät die­ser Grup­pe ein­schließt und mög­lichst in der Brei­te erreicht. Bei der Wei­ter­ent­wick­lung von elek­tro­ni­schen Gesund­heits- und Pfle­ge­da­ten sind Betrof­fe­nen- und Ange­hö­ri­gen­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­zu­be­zie­hen, der Schutz der sen­si­blen Daten vor Miss­brauch und das Selbst­be­stim­mungs­recht der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und Patient*innen müs­sen dabei höchs­te Prio­ri­tät haben. Auch wenn zukünf­tig immer mehr Ver­wal­tun­gen die Erle­di­gung von per­sön­li­chen Dienst­leis­tun­gen online anbie­ten, muss ergän­zend die Mög­lich­keit erhal­ten blei­ben, dass Men­schen wei­ter­hin auch ana­log ihre Anlie­gen erle­di­gen kön­nen.

Zuerst ver­öf­fent­licht auf einer offi­zi­el­len Web­site der Euro­päi­schen Uni­on.

Über die Autorin:
Anto­nia Schwarz ist über das Eras­mus+ Mobi­li­täts­pro­jekt der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Senio­ren Orga­ni­sa­tio­nen nach Bel­gi­en gereist. Ziel des Pro­jek­tes war der Auf­bau eines län­der­über­grei­fen­den Ver­ständ­nis­ses für inno­va­ti­ve Bil­dung zur För­de­rung einer wer­te­ori­en­tier­ten Pfle­ge und einer star­ken Posi­ti­on der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. Die Fort­bil­dun­gen beleuch­te­ten den Schnitt­be­reich zwi­schen Kli­en­ten­par­ti­zi­pa­ti­on / Bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments und reagier­ten damit auf neue Bil­dungs­be­dar­fe in Deutsch­land. Im Vor­der­grund ste­hen dabei wach­sen­de Erwar­tun­gen an Fle­xi­bi­li­tät, Koope­ra­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit der ver­schie­de­nen Akteu­re im Pfle­ge­be­reich – fami­liä­re und sozia­le Netz­wer­ke ein­ge­schlos­sen, sowie stei­gen­de Bil­dungs­er­war­tun­gen der Enga­gier­ten selbst, die sich für die bes­se­re sozia­le Teil­ha­be und Mit­wir­kung älte­rer Men­schen mit Hil­fe­be­darf ein­set­zen.

Die Kurz-URL für die­sen Arti­kel ist: http://gruenealte.de/cknig

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