Pflege: „Wir haben alles falsch gemacht!“

Der Raum muss­te nach hin­ten geöff­net wer­den, und es wur­den Bier­bän­ke auf­ge­stellt, damit alle sit­zen konn­ten! 

Begrü­ßung der 130 Zuhörer*innen – ich hab mich so gefreut über die gro­ße Reso­nanz!

Wow, es war ein­fach über­wäl­ti­gend: Für unse­re Ver­an­stal­tung „Gut leben im Alter – mit neu­en Quar­tiers­kon­zep­ten“ hat­ten die Grü­nen 60plus mit­ten in Ham­burg einen Raum für 80 Leu­te gebucht. Der war zehn Minu­ten vor Ver­an­stal­tungs­be­ginn rap­pel­di­cke voll. Und drau­ßen stand immer noch eine lan­ge Schlan­ge vor dem Ein­gang zum Cam­pus Uhlen­horst*!

Der Raum konn­te zum Glück nach hin­ten hin in den Nach­bar­raum erwei­tert wer­den. Und es gab im Gar­ten­häus­chen noch Bier­bän­ke, die schnell auf­ge­stellt wur­den. Wir hat­ten zwei Mikro­fo­ne, so dass unse­re tol­len Referent*innen und unse­re Mode­ra­to­rin Gabrie­le Hei­se (bekannt von NDR info) und auch die vie­len Fra­gen der Zuhörer*innen über­all gut ver­stan­den wer­den konn­ten.

Die Idee für die­se Ver­an­stal­tung war mir nach dem Deut­schen Senio­ren­tag in Dort­mund gekom­men, auf dem das The­ma Pfle­ge eine gro­ße Bedeu­tung hat­te und mit ganz unter­schied­li­chen Schwer­punk­ten dis­ku­tiert wur­de. Zurück in Ham­burg haben wir uns nach län­ge­rer Dis­kus­si­on dann für einen posi­ti­ven Zugang zum The­ma ent­schie­den.  Denn was wir alle wol­len, ist doch,  in den eige­nen vier Wän­den woh­nen zu blei­ben. Um zu sehen, wie das mög­lich wer­den kann, haben wir den Fokus auf span­nen­de neue Ansät­ze im Quar­tier gelegt. Und haben sie auch gefun­den! Wie zum Bei­spiel den ambu­lan­ten Pfle­ge­dienst Buurt­zorg, deren Grün­der über­zeugt waren: „Alles, was wir tun, ist kom­plett falsch.” – Und dann fin­gen sie an, das Sys­tem völ­lig umzu­krem­peln. Aber davon spä­ter mehr.

Der Abend begann mit einem Vor­trag von Mat­hil­de Hack­mann, Stu­di­en­grup­pen­lei­te­rin an der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le für Sozia­le Arbeit&Diakonie. Sie erklär­te, war­um das Quar­tier gera­de für älte­re Men­schen so wich­tig sei und dass wir unse­ren Blick­win­kel ändern müs­sen: Weg vom allei­ni­gen Blick auf Älte­re als Umsorg­te, hin zur Sicht­wei­se als Sor­ge­leis­ten­de. Denn jeder Mensch hat das Bedürf­nis für ande­re eine Bedeu­tung zu haben. Im sieb­ten Alten­be­richt** der Bun­des­re­gie­rung wer­den die Kom­mu­nen des­halb auf­ge­for­dert, Auf­ga­ben der Pfle­ge­kas­sen zu über­neh­men. 

Selbst­stän­dig­keit för­dern will auch Karen Hau­ben­reis­ser von der neu­en Initia­ti­ve Sozi­al­raum­ori­en­tie­rung Qplus­Al­ter***. Soge­nann­te Quartierslots*innen sol­len älte­re Men­schen unter­stüt­zen, zurecht­zu­kom­men, auch im höhe­ren Alter. Sie sol­len Hil­fe zur Selbst­hil­fe geben, bespre­chen, wen man anspre­chen kann – aber z.B. nicht sel­ber die kaput­te Glüh­bir­ne aus­wech­seln. Die ers­te Quar­tiers­lot­sin, eine jun­ge sym­pa­thi­sche Frau, war gera­de ange­stellt wor­den – und auch anwe­send! 

Unse­re Mode­ra­to­rin Gabrie­le Hei­se führt sou­ve­rän durch den Abend

Grü­ne Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­te und Senio­ren­spre­che­rin Chris­tia­ne Blö­me­ke stellt Quar­tiers­pro­jek­te aus Ham­burg vor

Beklagt wur­de wäh­rend der Dis­kus­si­on, dass es zwar offen­bar bereits Quar­tiers­kon­zep­te in eini­gen Stadt­tei­len gäbe, aber die Men­schen vor Ort viel zu wenig dar­über wüss­ten. Das war das Stich­wort für Bri­git­te Pagen­damm von alto­na­vi, Info­zen­trum und Frei­wil­li­genagen­tur im bun­ten Stadt­teil Alto­na: Alle Akti­vi­tä­ten wer­den dort gebün­delt und kön­nen in ihrem Laden­lo­kal mit­ten im Quar­tier nach­ge­fragt wer­den, ganz ein­fach, ohne Anmel­dung. Das wird auch von vie­len älte­ren Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund wahr­ge­nom­men. Alto­na­vi spricht übri­gens nicht von Ehren­amt, son­dern von frei­wil­li­gem Enga­ge­ment und statt Migra­ti­ons­hin­ter­grund z.B. von tür­ki­schen Muttersprachler*innen. Gefällt mir!

Unse­re grü­ne Senio­ren­spre­che­rin in der Ham­bur­ger Bür­ger­schaft, Chris­tia­ne Blö­me­ke ergänz­te und erzähl­te u.a. von LeNa, einer Abkür­zung für leben­di­ge Nach­bar­schaft. Das Modell­pro­jekt der SAGA gibt es bis­her in drei eher benach­tei­lig­ten Stadt­tei­len und will selbst­be­stimm­tes Woh­nen in der eige­nen Miet­woh­nung gewähr­leis­ten. Zen­tra­le Anlauf­stel­len sind ein Nach­bar­schafts­treff, ein Nach­bar­schafts­bü­ro und ein Quar­tiers­bü­ro. Ani­Ta eine online-Platt­form, die den Aus­tausch zwi­schen pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen mög­lich macht. Knapp 30% aller erwach­se­nen Kin­der woh­nen mehr als 100 Kilo­me­ter von ihren Eltern ent­fernt und könn­ten sich nicht regel­mä­ßig küm­mern. Es könn­te aber ein Tausch­part­ner oder eine Tausch­part­ne­rin hel­fen, ein ver­läss­li­ches Netz­werk im ent­fern­ten Ort auf­zu­bau­en – und man sel­ber könn­te für jeman­den, der wei­ter weg wohnt, in Ham­burg Ansprechpartner*in sein. Pfle­ge­stütz­punk­te unter­stüt­zen in allen Fra­gen rund um das The­ma Pfle­ge – unab­hän­gig von der Kas­sen­zu­ge­hö­rig­keit oder dem Bezug von Sozi­al­leis­tun­gen. Mehr­ge­nera­tio­nen­häu­ser sind Treff­punk­te für Jung und Alt im Stadt­teil. Besuchs­pa­ten­schaf­ten wer­den u.a. von Freun­de alter Men­schen ange­bo­ten. Kul­turis­ten-hoch2 lädt Senio­rin­nen und Senio­ren mit klei­ner Ren­te ein, regel­mä­ßig und kos­ten­los, gemein­sam mit einem jun­gen Men­schen aus dem glei­chen Stadt­teil, die kul­tu­rel­le Viel­falt Ham­burgs zu nut­zen. Der Ver­ein Wege aus der Ein­sam­keit bie­tet gra­tis digi­ta­le Semi­na­re spe­zi­ell für Men­schen 65plus an. Und orga­ni­siert in Ham­burg mit ande­ren Grup­pen (die GRÜNEN 60plus sind auch dabei) den Welt­se­nio­ren­tag am 1. Okto­ber in einem coo­len Club. 

High­light des Abends: Johan­nes Tech­nau von Buurt­zorg aus Müns­ter

Die Erkennt­nis der Buurt­zorg-Grün­der: Alles was wir bis­her getan haben, ist kom­plett falsch!

Die­ser Teil war schon höchst span­nend und trotz Enge und Wär­me waren alle voll dabei. Das High­light des Abends kam dann natür­lich mit Johan­nes Tech­nau von Buurt­zorg (sprich: Bürt­s­org): ein ambu­lan­ter Pfle­ge­dienst aus den Nie­der­lan­den, der über­setzt Nach­bar­schafts­hil­fe bedeu­tet und gera­de welt­weit den Pfle­ge­markt umkrem­pelt. Auch in Deutsch­land gibt es inzwi­schen vier Pilot­pro­jek­te. 

Der Unter­schied zum her­kömm­li­chen Sys­tem ist die Abkehr vom Abar­bei­ten vor­ge­ge­be­ner Pfle­ge­stan­dards, alle Hil­fe ist aus­ge­rich­tet am auto­no­men Leben, das ist das Ziel“, sagt Johan­nes Tech­nau. „Der gro­ße Unter­schied in der Orga­ni­sa­ti­on sind die hier­ar­chie­frei­en Teams, die gemein­sam für gute Pfle­ge ver­ant­wort­lich sind. Für uns Deut­sche ist das nicht ein­fach, in den Nie­der­lan­den gibt es gene­rell weni­ger Hier­ar­chi­en als hier.“

Bei uns kommt das Geld vor allem von den klam­men Pfle­ge­kas­sen, die für Pfle­ge­leis­tun­gen der Ver­si­cher­ten – je nach Pfle­ge­grad – auf­kom­men. Um Geld zu ver­die­nen, muss man also mög­lichst vie­le Leis­tun­gen in mög­lichst kur­zer Zeit erbrin­gen, so Tech­nau. Des­halb spa­ren vie­le Pfle­ge­diens­te bei den Per­so­nal­kos­ten. Mit dem Ergeb­nis, dass Pfleger*innen und Gepfleg­te glei­cher­ma­ßen frus­triert sind. Das ist beim Non-Pro­fit-Pfle­ge­dienst Buurt­zorg anders. Und unter dem Strich auch nicht teu­rer, da die Hono­ra­re für die Pro­fis zwar höher sind, die Patient*innen aber zu mehr Selbst­stän­dig­keit ange­regt wer­den. Also mehr sel­ber machen kön­nen.

Wün­sche der Besucher*innen: Buurt­zorg für Ham­burg!

Und dickes Plus: In den Nie­der­lan­den waren bei 10.000 Pfle­ge­kräf­ten nur 50 Mitarbeiter*innen in der Ver­wal­tung not­wen­dig für Mie­te, Ver­trä­ge, Lohn­buch­hal­tung (sie­he Bild rechts, das Ver­hält­nis zwi­schen Pflegekräften=grün und Verwaltung=gelb). Das meis­te orga­ni­sie­ren die Teams selbst. Maxi­mal 12 Pfle­ge­kräf­te sind in einem Team orga­ni­siert in einem begrenz­ten Umfeld. Vor­bild war die Gemein­de­schwes­ter, die es frü­her auch bei uns gab. Bei Kon­flik­ten hel­fen Team­be­glei­ter, aber nur im Not­fall. In der Regel krie­gen die Teams alles allein hin.

Inzwi­schen hat Buurt­zorg in den Nie­der­lan­den 14.000 Mit­glie­der und Modell­pro­jek­te über­all auf der Welt. So ein­fach kann es also sein!

Nach der Dis­kus­si­on ging es wei­ter mit klei­nen Gesprä­chen beim Come tog­e­ther mit Wein, Saft oder Was­ser und Knab­ber­zeug. Vie­le Gäs­te hat­ten sich in Lis­ten ein­ge­tra­gen, um eine schrift­li­che Zusam­men­fas­sung der Ver­an­stal­tung und Adres­sen zu bekom­men. Alle Grü­nen 60plus gin­gen am Ende beseelt nach Hau­se. Grü­ner kann man das The­ma Pfle­ge kaum ange­hen!

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*Der Cam­pus Uhlen­horst ist eine Bil­dungs­ein­rich­tung für Jugend­li­che mit Lern­be­ein­träch­ti­gun­gen, die das 10. bzw. 12. Schul­be­suchs­jahr abge­schlos­sen haben. Der För­der­ver­ein hat uns freund­li­cher­wei­se den schö­nen Ver­an­stal­tungs­raum zur Ver­fü­gung gestellt.

**Der Alten­be­richt wird in jeder Legis­la­tur­pe­ri­ode ein­mal erstellt, der sieb­te und aktu­ells­te Alten­be­richt hat­te unter der Lei­tung von Prof. Andre­as Kru­se den Auf­trag, Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für eine nach­hal­ti­ge Senio­ren­po­li­tik in den Kom­mu­nen zu erar­bei­ten und kann unter dem Link im Text run­ter­ge­la­den wer­den.

***Q8 Sozi­al­raum­ma­nage­ment ver­folgt das Ziel, dass alle Men­schen im Quar­tier selbst­be­stimmt leben kön­nen und dafür die Unter­stüt­zung fin­den, die sie brau­chen. Mit Hil­fe von Q8 sol­len im Quar­tier neue und finan­zier­ba­re Unter­stüt­zungs­for­men ent­ste­hen, bedarfs­ge­recht, so wie es der Stadt­teil braucht. Die 8 steht dabei für die 8 Lebens­be­rei­che, die für ein gutes Mit­ein­an­der erfor­der­lich sind.

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