Titelseite des Buches »Global gescheitert?«

Global gescheitert?

Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass

Autorin Prof. Dr. Susan­ne Schrö­ter (mehr über die Autorin …)

Buch­be­spre­chung von Peter Schrage-Aden

Titelseite des Buches »Global gescheitert?«

Susan­ne Schrö­ter hat mit ihrem jüngs­ten Buch „Glo­bal geschei­tert“, einen dring­li­chen Appell für indi­vi­du­el­le Frei­heits­rech­te und gegen die zuneh­men­den Bedro­hun­gen der­sel­ben vor­ge­legt. Sie endet mit Karl Pop­per: „Wer die Frei­heit und damit auch die offe­ne frei­heit­li­che Gesell­schaft erhal­ten möch­te, muss sie gegen ihre äuße­ren und inne­ren Fein­de ver­tei­di­gen. Zu den Fein­den gehö­ren sowohl geschlos­se­ne tri­ba­le Gesell­schaf­ten, aber auch jede Form des Tota­li­ta­ris­mus inklu­si­ve aller Heils­ideo­lo­gien, die den Men­schen mit dem Ver­spre­chen knech­ten, in fer­ner Zukunft das irdi­sche oder himm­li­sche Para­dies zu erlangen.“

Wer wür­de sol­che Bot­schaf­ten nicht ken­nen. In einer frei­en Gesell­schaft fal­le dem Staat in ers­ter Linie die Auf­ga­be zu, sei­nen Bür­gern die Wahr­neh­mung ihrer garan­tier­ten Frei­heits­rech­te zu ermög­li­chen. Zur­zeit wür­den, so Susan­ne Schrö­ter, die­se ele­men­ta­ren Frei­heits­rech­te von iden­ti­täts­po­li­ti­schen Kul­tur­kämp­fern atta­ckiert. Das sei in jeder Hin­sicht fatal. Es wäre nicht die Auf­ga­be des Staa­tes, sei­ne Bür­ger vor Krän­kun­gen und ver­meid­li­chen Mikro­ag­gres­sio­nen zu schüt­zen. Wer dies for­de­re, bewe­ge sich in einem gefähr­li­chen, tota­li­tä­ren Fahr­was­ser. In einer frei­en Gesell­schaft müs­sen Bür­ger Ver­ant­wor­tung für ihr eige­nes Leben über­neh­men und selbst für ihr Wohl­be­fin­den sor­gen, das sei der Unter­schied zu auto­ri­tä­ren Gesellschaften.

Das Buch beginnt mit einer Beschrei­bung des rus­si­schen Über­falls auf die Ukrai­ne und sei­ner Vor­ge­schich­te. Es spannt dann den Bogen ins­be­son­de­re zu Mali und dem Krieg dort, gegen den isla­mis­ti­schen Ter­ror und die Zer­würf­nis­se mit der auto­ri­tä­ren Mili­tär­re­gie­rung. Sie ana­ly­siert knapp aber sehr tief­schür­fend den Krieg in Afgha­ni­stan und räumt mit diver­sen Vor­ur­tei­len auf. Sie stellt in Abre­de, dass man Demo­kra­tie expor­tie­ren, schon gar nicht mili­tä­risch imple­men­tie­ren kann. Heu­te, so die Autorin, stel­le der poli­ti­sche Islam eine der größ­ten Bedro­hun­gen für die Frei­heits­rech­te des Indi­vi­du­ums dar. In sei­ner gewalt­tä­ti­gen Vari­an­te zer­stö­re er gan­ze Regio­nen in Asi­en und Afri­ka, brin­ge Tod und Ver­der­ben in Metro­po­len von Bom­bay bis Paris, und bedro­he reli­giö­se Min­der­hei­ten in isla­misch gepräg­ten Ländern.

Hier sei ange­merkt, dass die Autorin in den letz­ten Jah­ren dazu gut recher­chier­te Bücher vor­ge­legt hat, die auf außer­or­dent­lich frucht­ba­res wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten hin­weist, seit sie die Lei­tung des Insti­tuts für den glo­ba­len Islam vor sechs Jah­ren über­nom­men hat.

Foto: Susan­ne Schrö­ter (Wiki­me­dia)

Sie schlägt in ihrem Buch einen sehr wei­ten Bogen, von der Ent­ste­hung des Islams, dem Auf­stieg Euro­pas aus den Trüm­mern des Osma­ni­schen Rei­ches, bis hin zum Sieg eines euro­päi­schen Hee­res, unter Füh­rung des pol­ni­schen Königs 1683, der den Vor­marsch der Mus­li­me stopp­te und so den Anfang vom Ende des Osma­ni­schen Reichs mar­kiert. Sie benennt sehr fach­kun­dig die viel­fäl­ti­gen Feh­ler der Eli­ten ehe­ma­li­ger Kolo­nien, die dazu geführt hät­ten, dass sie sich vom Volk ent­fern­ten und letzt­end­lich gestürzt wur­den, und dabei fun­da­men­ta­lis­ti­sche Strö­mun­gen her­vor­brach­ten (die­ses ins­be­son­de­re am Bei­spiel des Iran). Sie kommt zu dem Schluss, dass, wenn der isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­mus in Schach gehal­ten wer­den soll, mili­tä­ri­sche Koope­ra­tio­nen ohne Ein­grif­fe in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten sou­ve­rä­ner Staa­ten aus­kom­men müs­sen. Demo­kra­tie kön­ne nur von innen nach­hal­tig wachsen.

Als Ken­ne­rin der isla­mis­ti­schen Sze­ne erspart sie es den Lesern nicht, noch ein­mal nach­zu­voll­zie­hen, wel­chen Bei­trag Deutsch­land an den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber 2001 hat­te, leb­te ein Groß­teil der Ter­ro­ris­ten doch in Ham­burg, wo sie sich bewe­gen, schu­len und Netz­wer­ke knüp­fen konn­ten und die­ses auch noch nach den Anschlä­gen. Sie beschreibt, wie der Kampf­be­griff des Anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus gebo­ren und dazu benutzt wird, Nebel­ker­zen zu wer­fen, und zitiert Sal­man Rush­die, der beklagt, dass es eine neue glo­ba­le Ver­dre­hung der Debat­te um den isla­mi­schen Extre­mis­mus gebe: Nicht die Ver­fech­ter eines mör­de­ri­schen Isla­mis­mus wie Kho­mei­ni stün­den am Pran­ger der Welt­öf­fent­lich­keit, son­dern ihre Kri­ti­ker, deren Posi­tio­nen als Pho­bie, also als krank­haf­te Wahn­vor­stel­lung ver­un­glimpft würden.

Schrö­ter geht wei­ter­hin ein auf den, wie sie es nennt, ideo­lo­gi­schen Dschun­gel des Post­ko­lo­nia­lis­mus, begin­nend bei der Aus­ein­an­der­set­zung um Leo­pold Seng­hor (der 1968 den Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels erhielt), geht aus­führ­lich ein auf ande­re Vor­den­ker und zitiert zum Schluss Sart­re, der der Mei­nung war, Euro­pä­er müss­ten vom Sub­jekt zum Objekt der Geschich­te wer­den, selbst einen Ein­ge­bo­re­nen-Sta­tus erhal­ten, gede­mü­tigt und krank vor Angst sein. Dies sei die Kathar­sis, aus der eine neue Welt ent­stün­de. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met sie Edward Said. Sein Buch „Ori­en­ta­lis­mus“, das als Grün­dungs­schrift der Post­ko­lo­ni­al Stu­dies gilt und eine Dämo­ni­sie­rung der Ori­ent­wis­sen­schaf­ten als Weg­be­rei­ter und Recht­fer­ti­gung west­li­cher Herr­schaft beinhal­tet, wird aus­führ­lich rezipiert. 

All dies ist die Ouver­tü­re zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit den aktu­el­len Strö­mun­gen der Cri­ti­cal Race Theo­rie und der Post-kolo­nia­len Theo­rie. An vie­len Bei­spie­len erläu­tert sie, dass die­se holz­schnitt­ar­ti­gen Erklä­rungs­mus­ter häu­fig nicht grei­fen. Die Ver­wei­se zum Bei­spiel auf den mus­li­mi­schen Skla­ven­han­del, der nach Mei­nung zum Bei­spiel von N´Diaye grö­ße­re Opfer­zah­len als der atlan­ti­sche Han­del gehabt habe, soll die­sen nicht rela­ti­vie­ren. Zur Wahr­heit der Geschich­te gehö­re aber auch, dass die Kor­sa­ren des Maghreb bis ins 19. Jahr­hun­dert hin­ein regel­mä­ßig euro­päi­sche Küs­ten über­fie­len und mehr als eine Mil­li­on Men­schen in die Skla­ve­rei ver­schlepp­ten. Zusam­men­ge­fasst, so Schrö­ter, lässt sich sagen, dass Ras­sis­mus in allen For­men, bis hin zu Skla­ve­rei und Geno­zid, weder spe­zi­fisch west­lich noch weiß war. Er stellt eine Schat­ten­sei­te der Con­di­tio Huma­na dar, die in allen Regio­nen der Welt evi­dent war und noch immer ist. Die Post­ko­lo­nia­le Theo­rie behaup­te aber eine unver­än­der­te, gleich­sam ein­ge­fro­re­ne, kolo­nia­le Men­ta­li­tät auf Sei­ten der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­her­ren, die Zei­ten und Ver­än­de­run­gen über­dau­ert habe.

Aus­führ­lich beschreibt die Autorin den „Weg der Kul­tur­krie­ger an die Macht“. Am Bei­spiel von Nec­la Kelek zeigt sie, wie auch mus­li­mi­sche Frau­en mit dem Knüp­pel des Ras­sis­mus aus Posi­tio­nen gedrängt wür­den, was dazu führ­te, dass sie als Wis­sen­schaft­le­rin geäch­tet wur­de. Kri­tik am Isla­mis­mus oder an pro­ble­ma­ti­schen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen von Migran­ten sol­len, so Schrö­ter, abge­straft und ein unmiss­ver­ständ­li­ches Signal nach außen gesen­det wer­den:  Wer sich dem Dog­ma nicht beu­ge, muss mit den Kon­se­quen­zen eines Aus­schlus­ses aus dem Wis­sen­schafts­sys­tem rechnen. 

Ein wei­te­res Bei­spiel ist die Can­cel Cul­tu­re, wo sie das Bei­spiel des His­to­ri­kers Hel­mut Bley aus Han­no­ver anführt, der trotz sei­ner sehr gro­ßen Ver­diens­te um die Afri­ka­wis­sen­schaf­ten, von einer poli­ti­schen Ver­an­stal­tung aus­ge­schlos­sen wur­de, weil er Weiß und Mann ist.

In letz­ter Kon­se­quenz bedeu­te dies, dass Debat­ten zu kon­tro­ver­sen The­men nicht mehr statt­fin­den und sich die Auf­fas­sung einer Min­der­heit unhin­ter­fragt durch­set­ze. Aktu­ell gibt es dazu die Debat­te um das Zurück­zie­hen von Win­ne­tou-Büchern, zu denen sich Susan­ne Schrö­ter aus­führ­lich in Funk und Fern­se­hen geäu­ßert hat (nach der Ver­öf­fent­li­chung die­ses Buches). 

Die Autorin behaup­tet, dass Iden­ti­täts­po­li­tik auch ein Geschäfts­mo­dell sei, mit dem man wei­ße Kon­kur­ren­ten aus Posi­tio­nen her­aus­drückt. Dabei geht sie ein auf die Aus­ein­an­der­set­zung um die Doku­men­ta­ti­ons­stel­le „Kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung“ in Ber­lin-Neu­kölln. Eine ver­nich­ten­de Kam­pa­gne gegen die Bera­tungs­stel­le hat­te zu deren Ende geführt. Dabei gibt es in Deutsch­land klu­ge Vor­schlä­ge aus den Rei­hen ehe­ma­li­ger Migran­ten (fast alle die­se Per­so­nen ste­hen unter Poli­zei­schutz), die for­dern, anti­de­mo­kra­ti­schen Bedro­hun­gen unse­rer libe­ra­len Gesell­schaft, die häu­fig aus dem Aus­land gesteu­ert sei­en, ins Auge zu sehen.

Susan­ne Schrö­ter ist vie­le der Irrun­gen und Wir­run­gen, die sie in ihrem Buch beschreibt, in ihrem Leben mit­ge­gan­gen, hat sie ana­ly­siert und dar­aus Leh­ren gezo­gen. Das macht wis­sen­schaft­li­che Arbeit aus. Sie ist des­halb eine der wich­tigs­ten Stim­men, wenn es um die Beur­tei­lung des poli­ti­schen Islam und sei­ner Bedro­hung für die libe­ra­le Gesell­schaft geht. Ihre Bücher, sind ein wich­ti­ger Bei­trag zur Spie­ge­lung der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät. Die Zeit des Wunsch­den­kens soll­te vor­bei sein. Das ist Wis­sen­schaft im Sin­ne Hum­boldts und die­se ist tat­säch­lich bedroht, wie nicht nur die Vor­fäl­le an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät in den letz­ten Wochen gezeigt haben.

ISBN: 978−3−451−39367−9, 240 Sei­ten, 20 Euro, Lese­pro­be …

Die Kurz-URL für die­sen Arti­kel ist: http://gruenealte.de/qloqr

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