Bern – traditionsreich und generationengerecht in die Zukunft

Eine Age friend­ly City (AfC) und noch mehr

Text und Fotos von Gabrie­le Hei­se, Ham­burg

Wer mit dem Zug in der Haupt­stadt der Schweiz ankommt, wird schon beim Ver­las­sen des Bahn­hofs ver­wun­dert schau­en: Ein gro­ßer Platz liegt vor der glä­ser­nen Front, nur schma­le Spu­ren sind für den Auto­ver­kehr abge­trennt, der Rest ein Fuß­gän­ger­pa­ra­dies. Gut erreich­bar auf der ande­ren Sei­te des Vor­plat­zes unter einem hohen geschwun­ge­nen Glas­dach die Stra­ßen­bahn- und Bus­hal­te­stel­len. Rund­her­um ste­hen in ehr­wür­di­gem Grau­grün die Bür­ger­häu­ser und Kir­chen der Alt­stadt von Bern. Welt­kul­tur­er­be, aber trotz­dem ganz vor­ne, wenn es um Lebens­qua­li­tät und Bür­ger­sinn geht.

In die­ser Stadt herrscht ein ande­rer Geist als wir ihn in unse­ren Groß­städ­ten noch über­wie­gend fin­den: Men­schen zuerst! Und: Älte­re Men­schen beson­ders zuerst!

Im Ber­ner Genera­tio­nen­haus gleich rechts am Platz ist eine Aus­stel­lung zu sehen, die das The­ma  anschau­lich mit Leben füllt. „Fore­ver young. Will­kom­men im lan­gen Leben“ – mit einem mul­ti­me­dia­len Rund­gang und einem viel­fäl­ti­gen Ver­an­stal­tungs­pro­gramm wird ein­ge­la­den zum Dia­log über unser Alt­wer­den – zwi­schen Selbst­be­stim­mung und Soli­da­ri­tät, medi­zi­ni­schen Mög­lich­kei­ten und ethi­schen Gren­zen, Alters­weis­heit und Jugend­wahn. Die Lebens­er­war­tung hat sich im letz­ten Jahr­hun­dert ver­dop­pelt. Doch wel­che Hoff­nun­gen und Ängs­te ver­bin­den wir damit? Wie gehen wir damit um? 

Die­ses The­ma wird in Bern jedoch nicht hin­ter his­to­ri­sche Mau­ern gesperrt – es prägt das gesam­te Bild der Stadt. Dafür sor­gen unter ande­rem vier Akteu­rin­nen im „Kom­pe­tenz­zen­trum Alter“, gleich um die Ecke in der Bun­des­gas­se, an der Spit­ze seit die­sem Jahr Eve­lyn Hunziker. 

Seit 20 Jah­ren gibt es die­se Adres­se nicht weit vom Par­la­ments­ge­bäu­de. Auch des­halb ist Bern gut vor­be­rei­tet auf die demo­gra­phi­sche Her­aus­for­de­rung der kom­men­den Jahr­zehn­te. Das lan­des­wei­te „Netz­werk Alters­freund­li­che Städ­te“, ein gut ein­ge­führ­te kom­mu­na­le Koope­ra­ti­on, wird hier mit geknüpft. Auch die Idee der „Nach­bar­schafts­hil­fe Bern“ ent­stand hier und nun auch das alles über­grei­fen­de Kon­zept der „Age friend­ly City“. In der Schweiz kann nur Genf noch mit die­sem Label der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) auf­war­ten – Luzern will aber bald aufschließen. 

Von den rund 143.000 Ein­woh­nern in Bern sind 30.000 Men­schen, also 17 Pro­zent, über 60 Jah­re alt. Bei uns lie­gen die Pro­zent­zah­len der Senio­ren meist weit höher. Die Erklä­rung für den Unter­schied liegt in der Raum­pla­nung. Vor eini­gen Jahr­zehn­ten för­der­te die Poli­tik jun­ge Fami­li­en ver­stärkt beim Weg­zug ins Umland von Bern. Dort bau­ten sie ihr Haus, dort wer­den sie jetzt auch alt. Nur weni­ge blie­ben.  Aber vie­le kom­men jetzt doch zurück, denn die Stadt hat eine hohe Lebensqualität. 

Das ein­drucks­volls­te Ergeb­nis dafür bie­tet die Ver­kehrs­pla­nung: Die Alt­stadt von Bern ist fast völ­lig vom Indi­vi­du­al­ver­kehr befreit. Tritt man aus dem Gebäu­de der „Kom­pe­tenz­stel­le Alter“  und schaut nach rechts und links, dann scheint hier stän­dig ein „auto­frei­er Sonn­tag“ zu herrschen.

Sinn­fäl­lig wird die­se kom­mu­na­le Für­sor­ge auch in klei­nen Details des Stadt­bil­des. Die Hal­te­stel­len von Bus und Bahn haben erhöh­te Geh­stei­ge, um leich­ter mit Rol­la­tor, Roll­stuhl, Kin­der­wa­gen oder Ein­kauf­strol­leys ein­stei­gen zu kön­nen. Und sie beka­men Sitz­ge­le­gen­hei­ten. Gehol­fen hat dabei, dass es in der Schweiz ein Behin­der­ten-Gleich­stel­lungs­ge­setz gibt, das vor­schreibt, dass bis 2023 auch Leu­te mit Ein­schrän­kun­gen den ÖPNV auto­nom benut­zen können. 

Außer­dem haben die Pla­ner über die Wege zu den Hal­te­stel­len gründ­lich nach­ge­dacht. Es wur­den Kant­stei­ne abge­senkt, Ampel­an­la­gen ange­passt, Boden­be­lä­ge ver­bes­sert, Pro­fi­le im Pflas­ter ein­ge­ar­bei­tet, damit mit dem Blin­den­stock oder dem Roll­stuhl Ori­en­tie­rung mög­lich ist – und vie­les mehr.

Mal eben ver­schnau­fen – das ist gera­de für älte­re Men­schen ein gro­ßes Bedürf­nis bei den Gän­gen durch die Stadt. Die 2.800 Bän­ke in Bern sol­len des­halb bis 2035  hin­der­nis­frei und ergo­no­misch alten­ge­recht umge­baut wer­den. Ihre Arm­leh­nen und stei­len Rücken­leh­nen hel­fen dabei, gut wie­der auf­ste­hen zu kön­nen. (Foto rechts: Pia Neuenschwander) 

Und wenn sich beim Ein­kau­fen ein drin­gen­des Bedürf­nis mel­det? 14 Restau­rants infor­mie­ren mit einem roten Label an der Tür dar­über, dass hier die Toi­let­ten gra­tis und ohne Ver­zehr­zwang  benutzt wer­den kön­nen. Die Wir­te erhal­ten 1000 Fran­ken im Jahr für den zusätz­li­chen Auf­wand und ergän­zen dafür gern die 38 öffent­li­chen Toi­let­ten in der Stadt. Ein Plan mit den Stand­or­ten der „Net­ten Toi­let­ten“ liegt in vie­len öffent­li­chen Gebäu­den aus. Die Idee wur­de übri­gens aus Deutsch­land impor­tiert – merk­wür­dig, dass sie nicht bis nach Ham­burg gekom­men ist. 

An den Trep­pen zur Aus­sichts­platt­form des Bun­des­hau­ses, ver­gleich­bar mit dem Reichs­tag in Ber­lin, wur­den Trep­pen­lif­te anmon­tiert. Nun hat jede und jeder Zugang, wenn die Bei­ne nicht mehr machen, was sie sollen. 

Um den öffent­li­chen Raum wie­der beleb­ter zu gestal­ten, wur­den ste­hen seit 2016 mobi­le Bis­tro­stüh­le und ‑tische in der Innen­stadt  – zunächst auf dem Müns­ter­platz, dann auf dem Unte­ren Wai­sen­haus­platz, schließ­lich auf 12 wei­te­ren Stand­or­ten im Stadt­kern. Die 188 Stüh­le und 42 Tische wer­den gern genutzt, kein Möbel­stück kam abhan­den. Auch in den Parks ste­hen inzwi­schen 460 mobi­le Stüh­le. Man sitzt gern bei­sam­men dort. 

Doch der Umbau der urba­nen Land­schaft ist nicht immer so ein­fach wie im Fall der öffent­li­chen Möblie­rung. Bern ist eine alte, gewach­se­ne Stadt mit vie­len Win­keln und Stu­fen. Über 70 Pro­zent der Gebäu­de sind geschützt. Da ist eine Ver­än­de­rung immer mit vie­len Ein­wän­den der Denk­mal­schüt­zer ver­bun­den. So zie­hen die his­to­ri­schen Lau­ben­gän­ge in der Innen­stadt  vie­le Kun­den an. Laden dicht an Laden – das bringt kur­ze Wege.

Es macht Freu­de, hier unter­wegs zu sein. Doch der Zugang ist für man­che schwie­rig. Aber die Stadt will in den nächs­ten Jah­ren den gan­zen öffent­li­chen Raum hin­der­nis­frei machen. Dafür sind bis 2035 Sum­men im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich eingeplant. 

Die Tief­bau-Abtei­lung ist des­halb in stän­di­gem Gespräch mit der „Kom­pe­tenz­stel­le Alter“ und ihren vier Mit­ar­bei­te­rin­nen. Inzwi­schen wer­den alle Plä­ne vor­ab bespro­chen – nicht erst die Beschwer­den hin­ter­her. Eine nächs­te Streit­fra­ge liegt schon auf dem Tisch, sagt Eve­lyn Hunz­i­ker: „Bern will Velo-Haupt­stadt wer­den und Velo und älte­re Per­so­nen – das hat ein­fach ein Konfliktpotential.“

Doch was sie inzwi­schen noch viel wich­ti­ger fin­det: „Die Befra­gun­gen der letz­ten Jah­re zei­gen, dass wir uns nicht immer auf das Tech­ni­sche kon­zen­trie­ren dür­fen. Wich­ti­ger ist es, eine neue Kul­tur im Umgang, im gegen­sei­ti­gen Küm­mern zu entwickeln.“

Auch in die­sem Bereich ist Bern vor­bild­lich. Immer wie­der wur­den Bewoh­ne­rIn­nen über 60 nach ihren Wün­schen gefragt. Vor allem die Bele­bung der Quar­tie­re rück­te dadurch in den Mit­tel­punkt. Die älte­ren Men­schen wol­len ja so lan­ge wie mög­lich in Ihrem Umfeld bleiben.

Die „Nach­bar­schafts­hil­fe Bern“ ent­stand, ein Pro­gramm, das eben­falls zur Age friend­ly City gehört. Die Stadt Bern unter­stützt dabei Pro­jek­te für drei Jah­re jähr­lich mit einer  Anschub­fi­nan­zie­rung in Höhe von 250.000 Fran­ken. Danach müs­sen sie sel­ber schaf­fen.  Das gab den Start­schuss. Fly­er wur­den gezielt an älte­re Bewoh­ner des Quar­tiers ver­teilt und ihre Mei­nung ein­ge­holt. „Ich inter­es­sie­re mich für Unter­stüt­zung“ oder „Ich möch­te Unter­stüt­zung leis­ten“ konn­te man ankreu­zen. Auch prä­zi­se Wün­sche wur­den abge­fragt, z.B.: „Klei­ne­re Repa­ra­tu­ren“, „Nach­hil­fe“, „Woh­nung und Pflan­zen betreu­en“, „Com­pu­ter-Sup­port“ u.a.m.. 

Dar­aus wuchs ein klu­ges Kon­zept zur Quar­tiers­ar­beit. Zwei Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen besuch­ten Hil­fe­su­chen­de und Hil­fe­an­bie­ten­de und kom­bi­nier­ten in per­sön­li­chen Gesprä­chen, wer wem wie hel­fen könn­te. Es wird dar­auf geach­tet, dass bei­de Par­tei­en maxi­mal 15 Geh­mi­nu­ten von­ein­an­der ent­fernt woh­nen. Ver­mit­telt wer­den viel­fäl­ti­ge Unter­stüt­zun­gen (wie z.B. Spa­zier­gän­ge, Ein­kau­fen, Pflan­zen gie­ßen, Gesell­schaft leis­ten, Vor­le­sen, Beglei­tung zum Arzt etc.), die im Rah­men von maxi­mal drei Stun­den wöchent­lich geleis­tet wer­den und kei­ner Vor­kennt­nis­se bedür­fen. Das Ange­bot ist kos­ten­los. Der Kon­takt zu den Frei­wil­li­gen wird gepflegt: Drei­mal im Jahr bekom­men sie eine Ein­la­dung der Stadt zu einer Schu­lung, z.B. auch zum The­ma „Umgang am Lebens­en­de“, denn vie­le Quar­tiers­be­woh­ner sind ja älter.  Die­se Tref­fen wer­den gemüt­lich gestal­tet – „mit einem klei­nen Ape­ro“, wie Eve­lyn Hunz­i­ker es nennt.

Auch gibt es eine Job-Bör­se im Genera­tio­nen­haus: Schü­ler kön­nen ihr Taschen­geld auf­bes­sern, indem sie bei älte­ren Men­schen z.B. Fens­ter put­zen oder Rasen mähen. 

Ein­mal in der Woche wird in einem Café des Quar­tiers eine klei­ne Sprech­stun­de ange­bo­ten, um zu klä­ren, ob alles gut läuft. 

Außer­dem ent­stand in eini­gen Quar­tie­ren eine Zei­tung. Dar­in sind Repor­ta­gen, Infos zum Quar­tier und Ter­mi­ne. Die Quar­tiers­zei­tun­gen finan­zie­ren sich durch Wer­bung der loka­len Geschäf­te inzwi­schen selbst – je nach­dem, wie pro­fes­sio­nell sie gestal­tet werden.

Eve­lyn Hunz­i­ker sieht in die­sem Nach­bar­schafts­netz­werk das Herz­stück einer Age friend­ly City: „Wir haben sehr vie­le jun­ge Men­schen, die Unter­stüt­zung geben wol­len. Es ist wirk­lich ein Genera­tio­nen­pro­jekt. Und es gibt zwei Erfolgs­fak­to­ren. Der eine ist, dass wir sagen: Nicht mehr als drei Stun­den die Woche. Und der ande­re ist, dass da zwei Frau­en unter­wegs sind, die ein­fach begeis­tern kön­nen und das betreu­en. Wir haben jetzt fünf Stadt­tei­le im Pro­gramm, der sechs­te wird im Som­mer auf­ge­nom­men und nächs­tes Jahr haben wir die gan­ze Stadt.“

Was nicht gut geklappt hat, ist das Kon­zept des Woh­nungs­tau­sches. Vie­le Älte­re leben in zu gro­ßen Woh­nun­gen, möch­ten sich ver­klei­nern und preis­wer­ter leben. Wenn man aber Ange­bo­te gemacht hat, kamen dann doch Ein­wän­de: „Ich brau­che viel­leicht noch ein Zim­mer für mei­ne Enkel…“ . 

Auch das Pro­gramm „Woh­nung für Hil­fe“ klapp­te nicht: Den Kühl­schrank und das Bad zu tei­len ging vie­len Älte­ren zu weit. Sie woll­ten auch kei­ne Frem­den in die Woh­nung las­sen. Nun wur­de die­se Idee auf­ge­ge­ben. „Es sind ja schließ­lich Steu­er­mit­tel, die wir da inves­tiert haben,“ sagt Eve­lyn Hunziker.

Der nächs­te Schritt in der Quar­tiers­ar­beit betrifft nun neue Bau­pro­jek­te: „Wir möch­ten Genera­tio­nen­woh­nen ein­füh­ren“, sagt Eve­lyn Hunz­i­ker. „Und es muss Begeg­nungs­or­te geben, also dass man in gro­ßen Häu­sern Räu­me hat, wo man sich tref­fen kann.“ 

Das Age-friend­ly City-Kon­zept wur­de inzwi­schen ergänzt. Jüngs­ter Bau­stein: Die „Caring Com­mu­ni­ty“. Sie ist nun Alters­leit­bild des Kan­tons Bern. Gemeint ist damit eine sor­gen­de Gemein­schaft als Gegen­trend zur anony­men Gesell­schaft. Man hilft ein­an­der, sorgt für­ein­an­der, för­dert die Inklu­si­on der Ver­ges­se­nen. Die Rea­li­sie­rung erfolgt durch das „Kom­pe­tenz­zen­trum Alter“ der Stadt Bern mit Unter­stüt­zung ver­schie­de­ner Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen. An die­sem Ziel kommt auch der Gemein­de­rat nicht mehr vorbei. 

Das über­grei­fen­de WHO-Label einer Age-friend­ly City führt dazu, dass Belan­ge der älte­ren Bür­ger von der Stadt­ver­wal­tung in allen Abtei­lun­gen und Ämtern ernst genom­men wer­den. Es gibt schon lan­ge einen Senio­ren­rat als bera­ten­de Kom­mis­si­on des Gemein­de­rats.  Er ist Teil des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems, berät und kon­trol­liert die Stadt­ver­wal­tung und wirkt als Sprach­rohr. Die Mit­glie­der bekom­men Sit­zungs­geld. Wenn es irgend­ein The­ma gibt, dann wird gefragt: Was hat der Senio­ren­rat dazu gemeint?

Auch die­ser Senio­ren­rat för­dert das Pro­gramm der AfC. Es gibt kein Geran­gel um die Mit­spra­che­rech­te bei der Gestal­tung einer tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Stadt wie Bern auf dem Weg in die Zukunft. 

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