Bürgerschaftliches Engagement in der Pflege

Anto­nia Schwarz 20.11.2013

In Ber­lin erscheint bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment zuguns­ten von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und deren Ange­hö­ri­ge unwahr­schein­li­cher als in klein­räu­mi­ge­ren Struk­tu­ren. Doch viel­leicht wis­sen wir auch zu wenig dar­über. Ich bin aber über­zeugt davon, dass Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment (oft in Ergän­zung zur pro­fes­sio­nel­len Pfle­ge) ein wich­ti­ger Bei­trag zur bes­se­ren Lebens­qua­li­tät von pfle­ge­be­dürf­ti­gen und oft ein­sa­men Men­schen leis­tet.

Ansprü­che von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und deren Umfeld berück­sich­ti­gen

Sozio­öko­no­misch wird „gutes Leben“ als indi­vi­du­el­les Wohl­erge­hen bewer­tet, wel­ches abhän­gig ist von einer aus­rei­chen­den Aus­stat­tung mit mate­ri­el­len, sozia­len und psy­chi­schen Res­sour­cen sowie dem Zugriff auf kol­lek­ti­ve Güter.

Die weit über­wie­gen­de Zahl aller Men­schen wol­len ihr Leben bis ins hohe Alter in der ver­trau­ten Umge­bung, im Wohn­quar­tier, ver­brin­gen, die ein Woh­nen im Alter und die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be orts­nah ermög­li­chen und zudem die gesund­heit­li­che und pfle­ge­ri­sche Ver­sor­gung im Bedarfs­fall im unmit­tel­ba­ren Wohn­um­feld gewähr­leis­tet, sofern die Betrof­fe­nen die Wahl dazu haben.

Auch in schrump­fen­den Regio­nen leben Men­schen, die dort sozi­al ver­wur­zelt sind und sich ein gutes Leben im Alter wün­schen. Doch sie beschäf­tigt auch die Sor­ge, ob sie bei Hil­fe­be­dürf­tig­keit und Fremd­ab­hän­gig­keit aus­rei­chend ver­sorgt sind. Für ihre Fami­li­en sind die Anfor­de­run­gen des Arbeits­le­bens, die damit ver­bun­de­ne Mobi­li­tät mit der Bereit­schaft zur Unter­stüt­zung der älte­ren Fami­li­en­mit­glie­der abzu­wä­gen. Für die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen ste­hen des­halb immer weni­ger Ange­hö­ri­ge zur Ver­fü­gung, die in der Lage sind, eine aus­rei­chen­de Pfle­ge und Sor­ge zu über­neh­men.

Der Anteil der Men­schen, die im Alter allei­ne und ohne Ange­hö­ri­ge leben, wird wei­ter zuneh­men. Das vor­han­de­ne sozia­le Pfle­ge­sys­tem ist zuneh­mend weni­ger in der Lage alle Unter­stüt­zungs- und Pfle­ge­be­dürf­nis­se von älte­ren Men­schen abzu­de­cken. In bereits öko­no­misch abge­wer­te­ten Regio­nen feh­len Fach­kräf­te, die bereit sind, dort zu leben und zu arbei­ten.

Im Kon­text der demo­gra­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen ist es umso wich­ti­ger, das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment zur infor­mel­len Unter­stüt­zung und Pfle­ge älte­rer Men­schen zu för­dern und zu ver­ste­ti­gen.

Die so beschrie­be­ne Ent­wick­lung erfor­dert eine bewuss­te Gestal­tung der per­so­nel­len und sozia­len Infra­struk­tur zur Stüt­zung und Ver­sor­gung von Men­schen, die auf Hil­fe ange­wie­sen sind. Dazu sind loka­le, gemein­we­sen­ori­en­tier­te Ver­sor­gungs­an­ge­bo­te not­wen­dig, die zu klein­räu­mi­gen Unter­stüt­zungs­struk­tu­ren füh­ren und die die Eigen­ver­ant­wor­tung und Soli­da­ri­tät der Men­schen vor Ort stär­ken. Dies betrifft ins­be­son­de­re auch die För­de­rung von nach­bar­schaft­li­chen und ört­li­chen Arran­ge­ments, die vie­ler­orts sich nicht von allei­ne ent­wi­ckeln.

Wie gemein­we­sen­ori­en­tier­te Netz­wer­ke und bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment gedei­hen

Unter bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment wer­den viel­fäl­ti­ge ent­gelt­li­che und unent­gelt­li­che For­men von Unter­stüt­zung ver­stan­den (Ehren­amt, Frei­wil­li­gen­ar­beit, Selbst­hil­fe). Sie haben sich sowohl aus der Mit­te der Zivil­ge­sell­schaft als auch aus Modell­pro­jek­ten ent­wi­ckelt. Für die Sta­bi­li­tät von Hil­fe­ar­ran­ge­ments in pre­kä­ren Pfle­ge­ver­hält­nis­sen ist eine geziel­te För­de­rung von bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment eine wesent­li­che Unter­stüt­zung. Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist eine bedeut­sa­me Ergän­zung zu unse­rem „teil­kas­ko­ver­si­cher­ten sozia­len Siche­rungs­sys­tem“. Denn die sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung über­nimmt nur Teil­leis­tun­gen, sys­tem­be­dingt wird zusätz­lich von einer Pfle­ge­be­reit­schaft von Fami­li­en aus­ge­gan­gen.

Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment darf als wesent­li­che Inno­va­ti­on zur Ent­wick­lung von gemein- schaft­li­chen For­men der Unter­stüt­zungs- und Ver­sor­gungs­sys­te­me gewer­tet wer­den. Sie hat das Poten­zi­al bestehen­de Ver­sor­gungs­lü­cken in der sozia­len Siche­rung von Pfle­ge­leis­tun­gen schlie­ßen zu kön­nen. Mit dem Rück­gang von fami­lia­len Pfle­ge­leis­tun­gen hat das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment daher auch eine kom­pen­sa­to­ri­sche und sub­sti­tu­ie­ren­de Funk­ti­on. Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment und fami­liä­re Pfle­ge ent­pflich­ten jedoch nicht den Staat von sei­ner Gewähr­leis­tungs­funk­ti­on. Fami­lia­re, selbst­hil­fe­ba­sier­te und bür­ger­schaft­li­che For­men der Unter­stüt­zung sind als gleich­be­rech­tig­te For­men der Unter­stüt­zung zu beruf­li­chen und pro­fes­sio­nel­len Ange­bo­ten anzu­se­hen. Trotz wach­sen­der Bedeu­tung von bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment und Frei­wil­li­gen­ar­beit wur­de im Kon­text der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung ihre Funk­ti­on zur Schaf­fung von Lebens­qua­li­tät im Sin­ne eines ganz­heit­li­chen Men­schen­bil­des bis­her nicht hin­rei­chend reflek­tiert.

Reform­per­spek­ti­ven auf der Grund­la­ge von Ver­sor­gungs­män­geln

Leis­tungs­lü­cken und Koor­di­nie­rungs­män­gel sind eine wesent­li­che Schwä­che unse­res geglie­der­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tems. Die Behe­bung die­ser Defi­zi­te aus­schließ­lich im Sozi­al­ver- siche­rungs­sys­tem wür­de eine akti­ve Rol­le der Kom­mu­nen erschwe­ren.

Daseins­vor­sor­ge ist hin­ge­gen eine Auf­ga­be der kom­mu­na­len Ebe­ne. Sie nimmt Oblie­gen­hei­ten der gemeind­li­chen Sozi­al­pla­nung wie die Bau­leit­pla­nung oder die Pla­nung der Wohn­raum­ver­sor­gung, des Nah­ver­kehrs und die Pfle­ge und Gestal­tung von sozia­len Netz­wer­ken wahr. In den Kom­mu­nen und Stadt­tei­len ist eine Ein­be­zie­hung und Betei­li­gung der Bevöl­ke­rung oder ein­zel­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen im Sin­ne einer sozi­al­räum­li­chen Koor­di­na­ti­on am ehes­ten mög­lich. Das loka­le Umfeld hat für den Lebens­all­tag älte­rer Men­schen eine beson­de­re Bedeu­tung, kom­mu­na­le Infra­struk­tur und sozia­le Netz­wer­ke bestim­men maß­geb­lich die Qua­li­tät des Lebens im Alter mit. Kom­mu­nen, die in ent­spre­chen­de Infra­struk­tur inves­tie­ren, sind zugleich Nutz­nie­ßer die­ser sozia­len Inves­ti­tio­nen. Sie spa­ren Kos­ten, indem sie weni­ger für die Fol­gen feh­len­der Infra­struk­tur auf­kom­men müs­sen.

Rah­men­be­din­gun­gen im Wohn­quar­tier

Daseins­vor­sor­ge beinhal­tet die Schaf­fung, Siche­rung und Ent­wick­lung sozia­ler Lebens­be­din­gun­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und soll­te nicht auf die Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums begrenzt wer­den. Lebens­qua­li­tät und Lebens­be­din­gun­gen wer­den ganz ent­schei­dend durch die Struk­tu­ren vor Ort geprägt. Zur Ent­wick­lung von teil­ha­be­ori­en­tier­ten Rah­men­be­din­gun­gen bedarf es Struk­tu­ren und Akteu­re, die die Inter­es­sen aller Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im Blick haben und bei Bedarf eine ani­mie­ren­de und mode­rie­ren­de Funk­ti­on über­neh­men. Sie tra­gen zu einem wert­schät­zen­den Kli­ma bei, unter­stüt­zen eine sozia­le, genera­tio­nen­ge­rech­te Infra­struk­tur sowie die wohn­ort­na­he Bera­tung und Beglei­tung von Hil­fe­be­dürf­ti­gen und Men­schen, die bereit sind, sich für das Gemein­wohl zu enga­gie­ren.

Von Leucht­turm­pro­jek­ten zu ver­läss­li­chen Struk­tu­ren

In eini­gen Regio­nen wur­den bereits vor Jah­ren Struk­tu­ren zur För­de­rung des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments im Umfeld von Pfle­ge ent­wi­ckelt. Dazu zählt u.a. die Bür­ger­ge­mein­schaft Eich­stet­ten e.V. am Kai­ser­stuhl in Baden, die bereits 1998 gegrün­det wur­de. In die­sem Ver­ein haben sich die Bür­ger von Eich­stet­ten dazu ent­schlos­sen, die viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben des Genera­tio­nen­ver­trags wie­der selbst in die Hand zu neh­men. Die Dorf­ge­mein­schaft und Mit­glie­der des Ver­eins hat­ten es als ihre Auf­ga­be betrach­tet, älte­re Men­schen in ihrer Gemein­schaft zu inte­grie­ren, zu betreu­en und zu pfle­gen. Dazu wur­den Struk­tu­ren zur Unter­stüt­zung hil­fe­be­dürf­ti­ger Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf­ge­baut. Anstel­le eines Pfle­ge­heims wur­den Woh­nun­gen behin­der­ten­ge­recht aus­ge­stat­tet und mit Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen wie einer gro­ßen Küche, einem gemein­sa­men Wohn­zim­mer und einer Gar­ten­an­la­ge aus­ge­stat­tet. Dar­aus ent­stan­den Wohn­grup­pen, deren Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner durch Mit­ar­bei­ter der Bür­ger­ge­mein­schaft, bür­ger­schaft­lich Enga­gier­ten und Ange­hö­ri­gen in geteil­ter Ver­ant­wor­tung unter­stützt und betreut wer­den.

Sol­che Lebens­qua­li­tät unter­stüt­zen­de Struk­tu­ren ent­stan­den in den letz­ten Jah­ren nicht nur in länd­li­chen, son­dern auch in städ­ti­schen Regio­nen. Nach­bar­schafts­treff­punk­te und Stadt­teil­bü­ros sind Begeg­nungs­or­te, die oft eine genera­tio­nen­über­grei­fen­de und Nach­bar­schaft und das Enga­ge­ment för­der­li­che Wir­kung ent­fal­ten. Ver­ei­ne wie „Freun­de alter Men­schen e.V.“ bau­en sozia­le Kon­tak­te und Begeg­nun­gen mit älte­ren Men­schen auf. Genera­tio­nen­über­grei­fen­de Gemein­schafts­wohn­for­men, sind ein ande­res Bei­spiel. Pro­jek­te gibt es inzwi­schen in nahe­zu allen Regio­nen Deutsch­lands. Dar­aus ent­ste­hen zum Teil per­sön­li­che Freund­schaf­ten, die durch kei­ne Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen und pro­fes­sio­nel­le Hil­fe ersetzt wer­den kön­nen. Aus mei­ner Sicht soll­ten sie nicht als Kon­kur­renz, son­dern als wich­ti­ge Ergän­zung zu pro­fes­sio­nel­len Ver­sor­gungs­struk­tu­ren ver­stan­den wer­den.

Auch Woh­nungs­un­ter­neh­men und Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten haben sich man­chen­orts enga­giert und Struk­tu­ren zur För­de­rung von Nach­bar­schaft und sozia­len Netz­wer­ken, Haus- gemein­schaf­ten, Alten­wohn­ge­mein­schaf­ten sowie Woh­nun­gen mit Ver­sor­gungs­si­cher­heit unter­stützt und auf­ge­baut. Woh­nungs­un­ter­neh­men als Dienst­leis­ter pro­fi­tie­ren davon, in dem eine lang­fris­ti­ge Wohn­bin­dung und Iden­ti­fi­ka­ti­on ihrer Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner mit dem Wohn­um­feld erzeugt wird.

In eini­ge Regio­nen und ins­be­son­de­re in Bal­lungs­ge­bie­ten müs­sen auch die Bedürf­nis­se von alt­ge­wor­de­nen Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund bei der Wei­ter­ent­wick­lung geeig­ne­ter Rah­men­be­din­gun­gen für Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment im Umfeld von Pfle­ge berück­sich­tigt wer­den. In die­sem Kon­text bie­tet sich die Zusam­men­ar­beit mit Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen an, um kul­tur­sen­si­ble Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te im Zusam­men­spiel mit Ver­bän­den und Initia­ti­ven auf­zu­bau­en und zu för­dern.