Ältere Migrant*innen

26.10.2008

grandmother-1737756__180Altenhilfe für MigrantInnen

Inhalt:
1. Aus­gangs­punkt: Pro­gramm der Grü­nen Alten
2. Hin­ter­grund der Zuwan­de­rung
3. Ver­diens­te der Migran­tIn­nen
4. Inte­gra­ti­ons­po­li­tik und Aner­ken­nung gemein­sa­mer Regeln
5. Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt
6. Die beson­de­re Pro­ble­ma­tik älte­rer Migran­tIn­nen
7. Gesund­heit der Migran­tIn­nen
8. Bera­tung und Ver­sor­gung älte­rer Migran­tIn­nen
9. Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment
10. Schaf­fung von mul­ti­kul­tu­rel­le Senio­ren­zen­tren
11. Bür­ger- und Men­schen­rech­te

1. Aus­gangs­punkt ist aus dem Pro­gramm der Grü­nen Alten der Punkt:
Für Inte­gra­ti­on älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten

Älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten brau­chen auf­grund der ver­schie­de­nen eth­ni­schen, reli­giö­sen und kul­tu­rel­len Her­kunft sowie der unter­schied­li­chen sozia­len Lebens­la­gen ent­spre­chen­de Ange­bo­te. Eine erfolg­rei­che Inte­gra­ti­on und Gleich­be­rech­ti­gung kön­nen nur erreicht wer­den, wenn der recht­li­che Rah­men, sozia­le Chan­cen­gleich­heit und kul­tu­rel­le Selbst­be­stim­mung gewähr­leis­tet sind.
Wir set­zen uns bei der Umset­zung die­ser Auf­ga­be für eine inter­kul­tu­rel­le Öff­nung und Moder­ni­sie­rung der Alten­hil­fe durch geziel­te Koope­ra­ti­on mit Migran­ten-Orga­ni­sa­tio­nen ein.«

2. Hin­ter­grund der Zuwan­de­rung

In frü­he­ren Jah­ren glaub­te man noch, dass die ange­wor­be­nen aus­län­di­schen Arbeits­kräf­te nach ein paar Jah­ren Beschäf­ti­gung, bzw. spä­tes­tens nach der Pen­si­on in ihre Ursprungs­län­der zurück­keh­ren wür­den. Vie­le die­ser Migran­tin­nen und Migran­ten der 1. Genera­ti­on sind inzwi­schen deut­sche Staats­bür­ger gewor­den, ihre Kin­der und/ oder Enkel­kin­der sind hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Abge­se­hen von die­sen fami­liä­ren Bin­dun­gen zu Deutsch­land spre­chen auch die meis­ten Gesund­heits- und Sozi­al­sys­te­me der Ent­sen­del­än­der nicht für eine per­ma­nen­te Rück­kehr die­ser Genera­ti­on.
Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt, 2006 gab es in Deutsch­land 6,5 Mio. Migran­ten. Die meis­ten kamen mit 1.739.000 aus der Tür­ken, gefolgt von 362.000 Ita­lie­nern, 535.000 Polen, Ser­ben und Mon­te­ne­gri­ern mit 317.000, 304.000 Grie­chen und 228.000 Kroa­ten.
26,9% der Tür­ken leben seit 30 Jah­ren und mehr in Deutsch­land, 53,2 % sind 10 bis 30 Jah­re alt und 19,9% sind jün­ger als 10 Jah­re.
Die meis­ten Zuwan­de­rer kamen und kom­men aus wirt­schaft­li­chen Grün­den wie auch aus Kri­sen- und Kriegs­ge­bie­ten. Für die Zukunft pro­gnos­ti­ziert man, dass ver­mehrt Men­schen aus Gebie­ten kom­men, die vom Kli­ma­wan­del und den Fol­gen wie Tro­cken­heit und Umwelt­ka­ta­stro­phen betrof­fen sind und deren Regie­run­gen den Fol­gen kei­ne alter­na­ti­ven Kon­zep­te und Lösun­gen ent­ge­gen set­zen kön­nen.
In Deutsch­land wer­den allei­ne laut Hoch­rech­nung des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes 2030 ca. 2,8 Mil­lio­nen älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten leben.

3. Ver­diens­te der Migran­tin­nen und Migran­ten

Vie­le Zuwan­de­rer haben in Deutsch­land Pio­nier­ar­beit geleis­tet. Gera­de die älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten leis­te­ten und leis­ten immer noch einen bedeu­ten­den Bei­trag für das Gelin­gen des sozia­len Lebens, des­halb darf das Poten­ti­al der frei­wil­li­gen Selbst­hil­fe unter der ers­ten Ein­wan­de­rer­ge­nera­ti­on in Form von Nach­bar­schafts­hil­fe nicht unter­schätzt wer­den. Sie hat im Wesent­li­chen zur Ori­en­tie­rung und zur Inte­gra­ti­on bei­getra­gen.
Über­dies soll­ten die bedeu­ten­den Bei­trä­ge der älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten aner­ken­nen, die sie in der Ver­gan­gen­heit für die Wirt­schaft geleis­tet haben.
Es darf auch nicht die Grup­pe der pro­fes­sio­nell pfle­gen­den Migran­tin­nen in Kran­ken­häu­sern und Alten­pfle­ge­hei­men ver­ges­sen wer­den, die schwe­re und wirk­lich wich­ti­ge und gute Arbeit leis­tet.
Da die Grup­pe der älte­ren Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund immer grö­ßer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre spe­zi­el­len Wün­sche und Bedürf­nis­se Gehör fin­den, son­dern sie auch Chan­cen­ge­rech­tig­keit im Alter erfah­ren, denn auch sie haben das Recht auf Wür­de im Alter.

4. Inte­gra­ti­ons­po­li­tik unter Aner­ken­nung gemein­sa­mer Regeln

Inte­gra­ti­ons­po­li­tik ist nicht nur in Deutsch­land, son­dern in ganz Euro­pa gesell­schaft­li­che Zukunfts­auf­ga­be.
Eine ech­te Teil­ha­be aller Migran­tin­nen und Migran­ten aber kann es nur geben, wenn Inte­gra­ti­on und Gleich­be­rech­ti­gung Hand in Hand gehen. Die­ses gleich­be­rech­tig­te Zusam­men­le­ben ist eine zen­tra­le gesell­schafts­po­li­ti­sche euro­päi­sche Auf­ga­be und bedeu­tet Chan­cen­gleich­heit in Bil­dung, auf dem Arbeits­markt und in allen ande­ren gesell­schaft­li­chen Berei­chen. Glei­che Teil­ha­be­rech­te und ein gesi­cher­ter Auf­ent­halt sind für die Inte­gra­ti­on unver­zicht­bar.
Inte­gra­ti­on sehen wir als Pro­zess zu einem Leben in gel­ten­dem recht­li­chem Rah­men, mit sozia­ler Chan­cen­gleich­heit und kul­tu­rel­ler Selbst­be­stim­mung. Wir för­dern das Zusam­men­le­ben in gesell­schaft­li­cher Viel­falt mit der Aner­ken­nung gemein­sa­mer und ver­bind­li­cher Regeln auf der Grund­la­ge der Men­schen­rech­te und der jewei­li­gen Geset­ze. Die Ach­tung der Men­schen­rech­te, Tole­ranz, Respekt, Gewalt­frei­heit, Gleich­be­rech­ti­gung sowie die Aner­ken­nung von demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren sind sol­che Grund­vor­aus­set­zun­gen des Zusam­men­le­bens.
Zur erfol­ge­rei­chen Inte­gra­ti­on bedarf es der Bereit­schaft und des Wil­len auf allen Sei­ten.

Inte­gra­ti­on kann nur gelin­gen, wenn nicht nur bei Kin­dern, son­dern auch noch bei älte­ren Migran­ten, sowohl Frau­en als auch Män­nern, der Sprach­er­werb der jewei­li­gen Lan­des­spra­che geför­dert wird, denn Ste­reo­ty­pe und Vor­ur­tei­le über alte Men­schen, beson­ders älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten sind in unse­rer Gesell­schaft anzu­tref­fen. Die Über­zeu­gung, dass ande­re für nicht beson­ders schlau gehal­ten wer­den, weil sie z. B. Migran­ten sind, nicht so gut die Lan­des­spra­che spre­chen und dann noch das Ste­reo­typ alt dazu, füh­ren zu Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­len bei vie­len älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten. Des­halb soll­ten spe­zi­el­le Sprach­kur­se und ande­re Akti­vi­tä­ten zur Ein­be­zie­hung und Betei­li­gung auch älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten noch mehr geför­dert wer­den.
Auch älte­re Analpha­be­ten dür­fen von Alpha­be­ti­sie­rungs­kur­sen und dem Sprach­er­werb der jewei­li­gen Lan­des­spra­che nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Sprach­li­che Inte­gra­ti­ons­kur­se soll­ten sinn­vol­ler Wei­se z. B. mit spe­zi­el­len Agen­tu­ren eng ver­knüpft wer­den.
Eben­so soll­ten die NGO›s in ihren Akti­vi­tä­ten und Hilfs­pro­gram­men in die­ser Hin­sicht unter­stützt wer­den.

5. Die Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt

Die Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt wird sich nicht nur in Deutsch­land, son­dern in Euro­pa in Zukunft dras­tisch ver­schär­fen, weil es ver­mut­lich zu wenig Fach­ar­bei­ter geben wird. Der EU-Kom­mis­sar Spid­la emp­fahl des­halb, Ein­wan­de­rer bes­ser zu inte­grie­ren und aus­ge­bil­de­te Dok­to­ren unter den Migran­ten nicht als Taxi­fah­rer arbei­ten zu las­sen.
Die Grup­pe der älte­ren Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist beson­ders stark von Arbeits­lo­sig­keit betrof­fen, sei es z. B. durch Man­gel an Arbeit, man­geln­de Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt, früh­zei­ti­ge Erwerbs­un­fä­hig­keit oder Unter­qua­li­fi­ka­ti­on. Um in Zukunft die Chan­cen der Migran­tin­nen und Migran­ten zu ver­bes­sern, müs­sen schon die Kin­der in den Kin­der­gär­ten und Schu­len bes­ser geför­dert wer­den, um auf dem Arbeits­markt mehr Chan­cen zu haben.
Durch die schlech­te Inte­gra­ti­on in die Gesell­schaft, die nicht aus­rei­chen­den Sprach­kennt­nis­se, zu wenig sozia­le Netz­wer­ke und man­geln­de Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt gehen den Län­dern Arbeits­kräf­te ver­lo­ren, die zum Ver­lust von Ren­ten- und Sozi­al­ver­si­che­rungs- bei­trä­gen wie auch Ein­kom­mens­steu­ern füh­ren. Das sind Mil­li­ar­den­be­trä­ge, die seit Jah­ren ver­lo­ren gehen.

6. Die beson­de­re Pro­ble­ma­tik älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten 

Der Bera­tungs – und Infor­ma­ti­ons­be­darf zu alters­spe­zi­fi­schen Fra­gen bei Migran­tin­nen und Migran­ten wächst. Stu­di­en bele­gen, dass die gesund­heit­li­che und sozia­le Lage älte­rer Migran­ten im Ver­gleich zu ein­hei­mi­schen Alters­grup­pen deut­lich schlech­ter ist.
Senio­rin­nen und Senio­ren mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund schei­den häu­fi­ger früh­zei­tig aus dem Arbeits­le­ben aus, haben häu­fi­ger finan­zi­el­le Ein­schrän­kun­gen und Ver­stän­di­gungs-schwie­rig­kei­ten durch Sprach­de­fi­zi­te, die als Hin­de­rungs­grün­de für ein akti­ve­res Teil­ha­ben am öffent­li­chen Leben gel­ten. Nach dem Berufs­le­ben wol­len auch sie aktiv blei­ben, aber wis­sen häu­fig nicht, wie sie das machen sol­len.
Da die Grup­pe der älte­ren Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund immer grö­ßer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre spe­zi­el­len Wün­sche und Bedürf­nis­se Gehör fin­den, son­dern sie auch Chan­cen­ge­rech­tig­keit im Alter erfah­ren.
Älte­re Migran­tin­nen und Mgran­ten ste­hen der beson­de­ren Gefahr der viel­fa­chen Dis­kri­mi­nie­rung gegen­über und es erfor­dert spe­zi­fi­sche Poli­tik und kul­tur­sen­si­ble Dienst­leis­tun­gen, wie sie in „Recom­men­da­ti­on 1619, EU-Par­la­ment, 2003 für die Rech­te älte­rer Migran­ten« for­mu­liert sind.

- In Bezug auf die beson­ders zu schüt­zen­de Grup­pe der älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten soll­te über die Kon­se­quen­zen für sie und die Gesell­schaft reflek­tiert wer­den, die in Zukunft ent­ste­hen. Des­halb soll­te ein spe­zi­fi­sches Pro­gramm zur gene­rel­len Unter­stüt­zung älter wer­den­der Migran­tin­nen und Migran­ten erstellt wer­den.

- Dabei muss sich die Alten­po­li­tik auf die sehr hete­ro­ge­ne Grup­pe der Migran­tin­nen und Migran­ten ein­stel­len, die auf­grund ihrer ver­schie­de­nen eth­ni­schen, reli­giö­sen und kul­tu­rel­len Her­kunft sowie ihrer unter­schied­li­chen sozia­len Lebens­la­gen kei­ne ein­fa­chen Stan­dard­lö­sun­gen ermög­licht.

- Die gra­vie­rens­ten Schwie­rig­kei­ten, mit denen älte­re Zuge­wan­der­te kämp­fen, sind vor allem Beein­träch­ti­gung der Gesund­heit, bzw. Krank­hei­ten, Woh­nungs­pro­ble­me und Schwie­rig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der Ren­te.

- Ein Vor­sor­ge-Gesund­heits­sys­tem für älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten soll­te im Bereich Gesund­heits­ein­rich­tun­gen, Kran­ken­häu­ser und Hos­pi­ze vor­han­den sein. Bezo­gen auf die Gesund­heits­für­sor­ge soll­ten die exis­tie­ren­den Struk­tu­ren der Gesund­heits­für­sor­ge – falls noch nicht vor­han­den – und die Unter­stüt­zung an die kul­tu­rel­len Bedürf­nis­se der älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten ange­passt wer­den.

- Zu för­dern sind eben­falls For­men der Selbst­hil­fe und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on.

- Sozia­le und ande­re Hilfs­diens­te sind auf die Lebens­be­dürf­nis­se älte­rer Migran­ten­fa­mi­li­en hin zu erwei­tern bzw. aus­zu­bau­en.

- Mit­ar­bei­ter soll­ten in allen Berei­chen, in denen älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten bera­ten, betreut und beglei­tet wer­den, Wei­ter­bil­dungs-, Super­vi­si­ons- und Peer-Grup­pen-Ange­bo­te erhal­ten.

- Zu för­dern ist eben­falls die Bereit­stel­lung prak­ti­scher Infor­ma­tio­nen für älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten über das Recht auf Sozi­al­hil­fe, Ren­ten, Gesund­heits­für­sor­ge im Gast­land und dem Her­kunfts­land durch öffent­li­che Insti­tu­tio­nen, Gemein­de­zen­tren, Migran­ten-Orga­ni­sa­tio­nen, Kul­tur­zen­tren und reli­giö­se Insti­tu­tio­nen. Erleich­te­rung der Ver­bin­dun­gen zwi­schen den älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten und ihrem Her­kunfts­land ist des­halb eine logi­sche Fol­ge.

- Zu för­dern sind Modell­ver­su­che von senio­ren­ge­rech­ten Wohn­for­men und Wohn­in­itia­ti­ven für älte­re Migran­ten.

Wir set­zen uns für eine inter­kul­tu­rel­le Öff­nung und Moder­ni­sie­rung der Alten­hil­fe durch geziel­te Koope­ra­ti­on mit Migran­ten-Orga­ni­sa­tio­nen, Bera­tungs­stel­len für Migran­tIn­nen und Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen ein.

7. Gesund­heit der Migran­tin­nen und Migran­ten

In unse­rer Gesell­schaft ach­ten immer mehr älte­re Men­schen auf ihre Gesund­heit, sei es, dass sie auf ihr Gewicht ach­ten, auf gesun­de Ernäh­rung oder Fit­ness-Trai­ning nach dem Mot­to: Aktiv leben – gesund alt wer­den! Das wach­sen­de Gesund­heits­be­wusst­sein ist eine posi­ti­ve Ent­wick­lung.
Lei­der hat sie vor allem älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten nicht in dem Maße erreicht, wie es sinn­voll wäre.
Bei ihnen hat der Alte­rungs­pro­zess ca. 10 Jah­re eher ein­ge­setzt als in der Regel bei Deut­schen, bedingt durch schwe­re Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen in der Migra­ti­ons­pha­se. Beson­ders älte­re Migran­tin­nen sind häu­fig in einem besorg­nis­er­re­gen­den Gesund­heits­zu­stand. Um hier Abhil­fe zu schaf­fen, tre­ten wir für eine ver­mehr­te Anstren­gung ein, auch die­se Per­so­nen­grup­pen über Prä­ven­ti­on und Gesund­heits­för­de­rung bes­ser auf­zu­klä­ren. Rück­zugs­ten­den­zen zur eige­nen eth­ni­schen Bezugs­grup­pe der älte­ren Migran­tin­nen und Migran­ten muss auch durch bedarfs­ge­rech­te Sport­ak­ti­vi­tä­ten ent­ge­gen gewirkt wer­den. Dabei emp­feh­len wir, mit den jewei­li­gen Migran­ten-Orga­nis­tio­nen zusam­men­zu­ar­bei­ten.
Dafür brau­chen wir sprach­lich und kul­tu­rell sen­si­ble Auf­klä­rungs­pro­gram­me zur För­de­rung von sozia­len und gesund­heit­li­chen Res­sour­cen älte­rer Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die auch von ihnen selbst gestal­tet wer­den kön­nen. Nied­rig­schwel­li­ge Ange­bo­te in Form von Kur­sen kön­nen den Zugang zum Sport­trei­ben erleich­tern.
Es gibt Migran­tin­nen und Migran­ten, die in ihrer neu­en Hei­mat durch bes­se­re Gesund­heits­ver­sor­gung eine stei­gen­de Lebens­er­war­tung haben. Pro­ble­ma­tisch ist dabei, dass sich mit dem Älter­wer­den der Migran­tin­nen und Migra­ten auch bei ihnen ver­mehrt Demenz ein­stellt, die man im alten Hei­mat­land kaum kann­te. Häu­fig ken­nen auch die Ange­hö­ri­gen die­se Krank­heit nicht. Es bedarf hier spe­zi­el­ler Auf­klä­rung. Ein beson­de­res Merk­mal bei den an Demenz erkrank­ten Migran­tin­nen und Migran­ten ist, dass sie die Spra­che im Zweit­land, die sie dort erlernt haben, ver­ges­sen. Das bedeu­tet, dass sie einen beson­de­ren Bedarf an Alten­hei­men haben wer­den.
Pro­ble­me kön­nen in abseh­ba­rer Zeit, d. h. in 10–15 Jah­ren, die Ver­sor­gung älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten bei Krank­heit und Pfle­ge ver­ur­sa­chen.
Denn auch in den Fami­li­en mit Migran­ti­ons­hin­ter­grund ändert sich die Lebens­wei­se, sodass die Fami­li­en weni­ger Kin­der haben. Die Kin­der der Migran­ten ste­hen oft auch nach der Hei­rat im Berufs­le­ben, sodass es nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist, dass sie ihre Eltern im Alter betreu­en und pfle­gen kön­nen.
Ziel der Poli­tik muss es sein, auch für Migran­tin­nen und Migran­ten ange­pass­te Wohn­for­men fürs Alter, Vor­sor­ge für Pfle­ge – auch ambu­lan­te Pfle­ge – zu schaf­fen sowie Ange­hö­ri­ge an Demenz erkrank­ten Migran­tin­nen und Migran­ten über Sym­pto­me, Dia­gnos­tik und The­ra­pie­mög­lich­kei­ten zu infor­mie­ren und Beglei­tungs-, Ver­sor­gungs- und Ent­las­tungs­mög­lich­kei­ten auf­zu­zei­gen.

8. Bera­tung zur Ver­sor­gung älte­rer Migrantnnen und Migran­ten

In Zukunft brau­chen beson­ders älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten ver­mehrt Hil­fe.
Aber nicht zu leug­nen ist, dass die Zugangs­bar­rie­ren der Migran­tin­nen und Migran­ten zu den sozia­len Diens­ten sehr hoch sind. Es man­gelt in der Regel den hilfs­be­dürf­ti­gen Migran­tin­nen und Migran­ten an Wis­sen um die Exis­tenz der sozia­len Diens­te und an sprach­li­cher Kom­pe­tenz für eine erfolg­rei­che Ver­stän­di­gung.
Vor­stell­bar ist auch, dass es den Migran­tin­nen und Migran­ten an Ver­trau­en in die Bera­tungs­sys­te­me und deren Mit­ar­bei­ter man­gelt. Oft füh­len sie sich von ihnen in ihrer Lebens­si­tua­ti­on nicht ver­stan­den und auch stig­ma­ti­siert.
Eine wei­te­re Hemm­schwel­le ist die Angst vor Behör­den und even­tu­el­len aus­län­der­feind­li­chen Kon­se­quen­zen.
Eben­so muss auf struk­tu­rel­le Zugangs­bar­rie­ren wie z. B. Wohn­ort­fer­ne oder Öff­nungs­zei­ten hin­ge­wie­sen wer­den, die mit den Arbeits­zei­ten vie­ler belas­te­ter Migran­ten­fa­mi­li­en nicht in Ein­klang zu brin­gen sind.
Zu über­le­gen wäre, um die­ses Pro­blem in den Griff zu bekom­men, ob nicht auch ver­mehrt Fach­kräf­ten mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund der Zugang zu Stel­len in Ver­wal­tung und sozia­len Diens­ten gewährt wer­den müss­te, um den Migran­ten­hin­ter­grund zu berück­sich­ti­gen und inter­kul­tu­rel­le Öff­nung zu rea­li­sie­ren.
Unser Ziel muss es sein, dass durch die­se Fach­kräf­te mit Mit­gra­ti­ons­hin­ter­grund in den Berei­chen Alten­hil­fe, Gesund­heits­we­sen, Aus- und Fort­bil­dung, Migra­ti­ons­ar­beit, Selbst­hil­fe-Orga­ni­sa­ti­on, For­schung, Poli­tik und in angren­zen­den Tätig­keits­be­rei­chen Impul­se gege­ben wer­den und sie in ihren Zustän­dig­keits­be­rei­chen die Belan­ge älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten berück­sich­ti­gen kön­nen, um deren Ver­sor­gungs- und Lebens­la­ge zu ver­bes­sern.

9. Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment 

Aktu­el­le poli­ti­sche Debat­ten dre­hen sich immer mehr um das brach­lie­gen­de Poten­ti­al älte­rer Men­schen und das Bedürf­nis, sie stär­ker für gesell­schaft­li­che und sozi­al­po­li­ti­sche Auf­ga­ben zu gewin­nen. Erstaun­lich ist, dass älte­re Migran­tin­nen und Migran­ten dabei in der Regel nicht erwähnt wer­den.
Man sieht sie meist nur als homo­ge­ne Grup­pe mit einem ein­heit­li­chen Lebens­hin­ter­grund, die im Alter pfle­ge- und hilfs­be­dürf­tig ist und ver­kennt ihr reich­hal­ti­ges Poten­ti­al an Erfah­run­gen, Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten, die sie im Lau­fe ihres Lebens auch als Zuwan­de­rer gewon­nen haben.
Wir for­dern Pro­gram­me, die sich für kul­tu­rel­le Viel­falt ein­set­zen und sich den Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen von Migran­tin­nen und Migran­ten anpas­sen, um sie so zur Teil­nah­me an bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment zu inter­es­sie­ren.
Eine gro­ße Bedeu­tung für den Inte­gra­ti­ons­pro­zess wäre gera­de das frei­wil­li­ge Enga­ge­ment älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten, die gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len. Ihr rei­cher Erfah­rungs­schatz, der für die ört­li­che Inte­gra­ti­on von Bedeu­tung sein könn­te, wird nicht ent­spre­chend genutzt. Bedin­gung ist jedoch, dass sie mit den jewei­li­gen Orga­ni­sa­ti­ons­for­men im bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ment ver­traut gemacht wer­den und ihnen Schu­lung und Qua­li­fi­zie­rung zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Eben­so wich­tig für den Kon­takt bei der frei­wil­li­gen Arbeit sind ver­läss­li­che Ver­trau­ens­per­so­nen von bei­den Sei­ten. Für die­se Arbeit inter­es­siert sich jedoch nur ein gerin­ger Teil der Migran­tin­nen und Migran­ten.
Erfah­run­gen zei­gen, dass die typi­sche reprä­sen­ta­ti­ve Form des Ehren­am­tes mit einem streng ein­zu­hal­ten­den Sit­zungs­ab­lauf von den meis­ten Zuwan­de­rern abge­lehnt wird. Dage­gen wer­den von ihnen Vor­ha­ben in ihrem Wohn- und Lebens­um­feld bevor­zugt, bei denen sie Mit­spra­che und Mit­wir­kungs­mög­lich­kei­ten haben. Für die dau­er­haf­te Akti­vie­rung die­ser Zuwan­de­rer­grup­pe sind Mög­lich­kei­ten des infor­mel­len Ler­nens, z.B. in Nach­bar­schafts­zen­tren bereit­zu­stel­len.
Zu erwar­ten ist, dass durch frei­wil­li­ges bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment der Zuwan­de­rer und durch ein bes­se­res Ken­nen­ler­nen der jeweils ande­ren Kul­tur ein Mit­ein­an­der geför­dert wird und Vor­ur­tei­le auf bei­den Sei­ten abge­baut wer­den kön­nen. (Sie­he: Kom­pe­tenz Zen­trum Inter­kul­tu­rel­le Öff­nung der Alten­hil­fe, Ber­lin, Ulri­ka Zabel)

10. Schaf­fung von mul­ti­kul­tu­rel­len Senio­ren­zen­tren

Ein kon­se­quen­ter Schritt im Bereich der Inte­gra­ti­on auch älte­rer Migran­tin­nen und Migran­ten sind mul­ti­kul­tu­rel­le Senio­ren­zen­tren und Alten­hei­me.
Dazu gibt es ein her­vor­ra­gen­des ein­zig­ar­ti­ges Alten­heim mit Modell­cha­rak­ter:
das DRK – Mul­ti­kul­tu­rel­le Senio­ren­zen­trum in Duis­burg, NRW , Deutsch­land.
1997 öff­ne­te die­ses mul­ti­kul­tu­rel­le Alten­heim sei­ne Pfor­ten. Durch fach­li­che und bau­li­che Kon­zep­ti­on hat es einen so genann­ten eth­ni­schen Schwer­punkt: Der Ent­wick­lung eines zuneh­mend grö­ßer wer­den­den Anteils älte­rer, pfle­ge­be­dürf­ti­ger Men­schen aus­län­di­scher Her­kunft soll Rech­nung getra­gen wer­den.
Das Pro­jekt ist voll gelun­gen, denn die kon­zep­tio­nel­len Über­le­gun­gen lie­ßen sich in der Pra­xis mit Erfolg rea­li­sie­ren und tat­säch­lich auch die Ver­sor­gung und Inte­gra­ti­on pfle­ge­be­dürf­ti­ger aus­län­di­scher Mit­bür­ger ver­wirk­li­chen.
Die Öff­nung eines Alten­pfle­ge­hei­mes für Men­schen aus ande­ren Kul­tur­krei­sen ist nicht leicht und erfor­dert für alle Betei­lig­ten ein ste­tes wach­sa­mes inter­es­sier­tes Wahr­neh­men und Han­deln. Durch den Ein­satz von Empa­thiefä­hig­keit, Echt­heit und der fast bedin­gungs­frei­en Akzep­tanz unter­ein­an­der ist ein Milieu her­an­ge­wach­sen, das über das nor­ma­le Maß hin­aus ein huma­nes und teil­ha­ben­des Leben für die älte­ren Men­schen anstrebt und oft­mals auch erreicht.
Ein wei­te­rer Schwer­punkt: Die Beleg­schaft ist inter­kul­tu­rell geschult und die Dienst­leis­tun­gen sind eben­falls inter­kul­tu­rell. Durch den lang­jäh­ri­gen gemein­sa­men Lern­pro­zess hat sich ein kol­lek­ti­ves Han­deln für alle erge­ben.
Die Lei­tung bie­tet den Mit­ar­bei­tern regel­mä­ßig mul­ti­kul­tu­rel­le Fort­bil­dung an, z.B. Sprach­kur­se und lan­des­kund­li­che Kur­se. Die Teams erhal­ten bei Bedarf spe­zi­el­le Super­vi­sio­nen. Kul­tu­rel­le Fra­gen und Ant­wor­ten bil­den dabei den Schwer­punkt.
Den Bewoh­nern und Ange­hö­ri­gen macht die Ein­rich­tung beson­de­re mul­ti­kul­tu­rel­le Ange­bo­te. Ein inter­kul­tu­rel­ler Besuchs­dienst, Gebets­räu­me für Chris­ten und Mus­li­me, eine inter­na­tio­na­le Biblio­thek, ein wöchent­li­cher medi­te­ra­ner Markt und die Aus­rich­tung von inter­na­tio­na­len Fes­ten gehö­ren dazu. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren waren 250 Besuchs­grup­pen aus aller Welt im Mul­ti­kul­tu­rel­len Senio­ren­zen­trum.

11. Bür­ger- und Men­schen­rech­te für Migran­tin­nen und Migran­ten

Kern­an­lie­gen unse­rer Grü­nen Poli­tik sind Bür­ger- und Men­schen­rech­te für Zuge­wan­der­te und die Ein­hal­tung huma­ni­tä­rer Ver­pflich­tun­gen gegen­über Flücht­lin­gen.
Falls es Abschie­bung in die Hei­mat­län­der gibt, dür­fen beson­ders Schutz­be­dürf­ti­ge, unter ihnen kran­ke und älte­re Men­schen, nicht in Kri­sen­ge­bie­te abge­scho­ben wer­den Die Been­di­gung des Flücht­lings­sta­tus kommt nach inter­na­tio­na­lem Flücht­lings­recht nur dann infra­ge, wenn die Rück­kehr der Betrof­fe­nen in ihre Hei­mat­län­der in Sicher­heit und Wür­de gewähr­leis­tet ist.
Auch ille­gal in Euro­pa leben­den Men­schen ste­hen die grund­le­gen­den Men­schen­rech­te zu. Es darf ihnen die Gesund­heits­ver­sor­gung nicht ver­wei­gert wer­den. Ärz­te, Sozi­al­ar­bei­ter und Rich­ter dür­fen nicht zur Denun­zia­ti­on gezwun­gen wer­den. Wir wer­ben für einen Kon­sens in allen euro­päi­schen Län­dern, um den betrof­fe­nen Men­schen ein Ange­bot zur Lega­li­sie­rung zu machen. In Spa­ni­en, Frank­reich, Bel­gi­en und Grie­chen­land exis­tiert es schon.

(Autorin: Ute Schmitz)

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